Keine Fundsache

Nachdem ich am Montag regulär morgens am Schwimmen teilgenommen habe (vor den Ferien hat es an einem Montag nicht geklappt, weil da der Raum mit Dusche und WC für Rollstuhlfahrer gesperrt war, aber inzwischen
funktioniert alles) und ich, als ich abends endlich wieder zu Hause war, meine Schwimmsachen auspacken wollte, fehlte der Schwimmanzug. Ich war mir 100%ig sicher, dass ich den beim Duschen ausgezogen habe, ihn nach dem Abtrocknen ins Handtuch eingewickelt und in meinem Beutel verstaut habe. Da er aber zu Hause nicht da war, glaubte ich zunächst an einen Filmriss.

Gestern bin ich in einer großen Pause schnell bei der Schwimmhalle vorbei gerollt, um zu fragen, ob den jemand abgegeben hat. Da waren zwar einige Fundsachen, aber nichts von mir dabei. Der Raum sei abends gereinigt worden, es sei ausgeschlossen, dass da noch was liege. Okay, es war zwar ein Markenartikel (Speedo), aber eben nur die ganz einfache und schlichte Linie zu 30 Euro. Aber es war einer meiner Lieblingsbadeanzüge, da er durch die auf dem Rücken gekreuzten Träger extrem gut saß.

Als ich wieder in die Schule rollte, sprach mich ein Mitschüler aus meinem Jahrgang an, mit dem ich auch am Montag zusammen Schwimmen hatte. Der Mitschüler ist eher ein Einzelgänger, sehr still und schüchtern, wenn er im Unterricht dran kommt, bekommt er gleich Panik und bringt kein vernünftiges Wort raus. Er scheint keine Freunde zu haben, steht immer irgendwo alleine in der Gegend rum, trägt eher seltsame Klamotten und macht insgesamt einen unscheinbaren Eindruck. Es ist niemand, den ich zu mir nach Hause einladen würde, aber auch niemand, dem ich nicht „Hallo“ sagen würde. Wenn er mich ansprechen würde, würde ich sicherlich
vernünftig antworten. Ich bin überzeugt, dass er sehr intelligent ist und sehr genau seine Mitmenschen beobachtet. Bisher hatte ich noch nie etwas mit ihm zu tun.

Umso überraschter war ich, dass er mich direkt vor dem Klassenraum ansprach. „Na? Wiedergekriegt?“ Ich schaute ihn erstaunt an. „Nein, woher weißt du, dass ich etwas vermisse?“ – „Ich habe gesehen, dass du zur Schwimmhalle gefahren bist, das macht man in der großen Pause am Tag danach nur, wenn man am Tag davor etwas verloren hat. Und daraus, dass du immernoch ‚vermisse‘ sagst, schließe ich, dass du es nicht wiedergekriegt hast.“

„Da hast du rattenscharf kombiniert“, antworte ich.

„Was vermisst du denn?“ fragte er. Warum interessierte er sich so sehr dafür?! Hat er vielleicht beobachtet, dass ich ihn verloren habe und ihn vielleicht sogar aufgehoben? „Meinen Badeanzug. Ich bin mir sicher, dass ich den in mein Handtuch eingewickelt habe nach dem Umziehen. Aber zu Hause war er weg. Weißt du, wo der ist?“

„Denkst du, ich habe ihn geklaut?“ fragte er vorwurfsvoll, fast schon böse.

„Nein!“ antwortete ich erschrocken. Wie kommt er auf so etwas? Das ist doch nun absolut nicht naheliegend, dass ich so etwas denken könnte. Außer wenn … irgendwie kam mir dieser Typ komisch vor. „Ich dachte nur, du hättest ihn vielleicht gefunden.“

Er wich meinem Blick aus. Irgendwas stimmte hier nicht. „Hast du?“ fragte ich direkt.

„Nein, wie kommst du darauf?“ fragte er.

„Hätte doch sein können“, antwortete ich. Dann mussten wir in den Klassenraum. Während der Stunde schaute ich ein paar Mal zu ihm rüber, er hatte sein Gesicht im Buch vergraben. Ich beobachte ihn normalerweise nicht, aber irgendwas stimmte hier nicht. Hatte er ihn vielleicht aus meiner Tasche rausgenommen? Und wenn, was sollte das? Wenn er sich als „Finder“ bei mir einschmeicheln wollte, hätte er doch eben seinen großen Auftritt haben können. Ich schämte mich dafür, zu denken, ein Mitschüler könnte mich bestehlen. Aber mein Bauch sagte mir, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

In der nächsten kleinen Pause rannte er immer in meiner Nähe herum, aber immer bewusst abgewandt und scheinbar ziellos. Als wollte er mich nochmal ansprechen und würde sich nicht trauen oder auf eine passende Gelegenheit warten. In der nächsten großen Pause suchte er schon wieder meine Nähe. Als keiner in Hörweite war, sprach ich ihn an: „So, komm, jetzt mal Klartext. Was möchtest du mir sagen? Du eierst den ganzen Tag um mich herum und versuchst mit mir ins Gespräch zu kommen. Was ist los?!“

Hatte er mir den Badeanzug vielleicht geklaut, um einen Anlass zu haben, um mit mir ins Gespräch kommen zu können? Und jetzt gemerkt, dass das so nicht funktionierte? Ich war früher auch unheimlich schüchtern. Ich hätte zwar keinen Badeanzug geklaut, aber vielleicht meinen eigenen Stift aufgehoben und gefragt, ob derjenige ihn verloren hat..

Er wirkte völlig überfordert. Lehnte sich mit dem Po gegen eine Fensterbank, schloss die Augen und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. Ich setzte noch einen drauf: „Was ist los mit dir? Darf ich meinen Badeanzug wiederhaben?“

„Ich habe den nicht!“ schrie er mich an. „Und was mit mir los ist: Nichts ist mit mir los. Ich finde dich halt nur sehr … ich finde es halt sehr bewundernswert, wie du das alles hinkriegst mit dem Rollstuhl und so.“ Er schaute ins Leere.

Ach du Scheiße. Der Typ war verknallt! Oder? Und der Badeanzug so etwas wie eine Trophäe? Das ist doch krank. Ich bin eindeutig nicht in den verknallt und ich will mit dem auch nichts zu tun haben und hätte gerne meine Sachen wieder zurück. Ich schaute ihn an. Sein Gesicht war bis über beide Ohren und den Hals dunkelrot.

Ich war mir nicht sicher, was mit ihm los ist, aber ich sagte ihm: „Hör mal, bevor du dir falsche Hoffnungen machst: Aus uns wird nichts. Es tut mir leid, aber du bist absolut nicht mein Typ. Ich denke, du bist ganz okay, aber mehr nicht. Sorry.“

Er antwortete: „War ja klar. Sorry wenn ich dich belästigt habe.“ – „Darf ich meinen Badeanzug wiederhaben?“

Er flüsterte fast. „Das geht nicht.“ Dann rannte er weg.

In der nächsten Stunde war er zuerst nicht an seinem Platz. Alle seine Sachen lagen noch dort. Ich habe mir ernsthaft Sorgen gemacht, nicht dass er jetzt irgendwo auf dem Klo hängt und sich die Pulsadern aufschneidet. Weiß man es?! Ich nahm mir vor, in spätestens zwei Minuten irgendwas zu unternehmen. Keine 20 Sekunden später kam er rein. Beachtete mich nicht. Ging wie im Trance zu seinem Platz. Hatte wohl geheult.

Scheiße. Aber ich kann es nicht ändern. Und irgendwie ist mir das alles auch eine Spur zu Psycho.

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