Soooo süß

Eigentlich sollte sie mit ihren Eltern über die Ostertage auf eine Ostsee-Insel fahren, aber Lisa hat scheinbar so lange gezetert, bis die Eltern entnervt den dickköpfigen Plänen ihrer Tochter zugestimmt haben. Lisa ist 14, wird aber in diesem Jahr noch 15 (wie sie ständig betont, wenn man sie nach ihrem Alter fragt), ist Einzelkind, lebt mit ihren Eltern in einer ziemlich großen Luxusvilla (mit Personal wohlgemerkt) in den so genannten „Elbvororten“ Hamburgs, also in einem Nobelviertel, und ist sehr verwöhnt. Ich glaube, sie hat inzwischen drei Laptops (eins
für zu Hause, eins für die Schule und eins für unterwegs), ein I-Phone – und was das Kind halt noch so braucht. Ich weiß auch, was die Eltern beruflich machen, aber wenn ich es hier schreiben würde, wären Rückschlüsse auf die Familie für jeden meiner Leser ganz einfach möglich, und ich glaube, das kommt nicht so gut an. Also fasse ich es nur mit Linas Worten zusammen: „Die Eltern haben richtig Asche.“

Die viele Asche konnte zwar Lisa nicht vor einem frühkindlichen Hirnschaden bewahren, kann aber sicherlich deren Auswirkungen etwas erträglicher machen. Während die Angehörigen und Freunde anderer Kinder, die wesentlich schwerer eingeschränkt sind als Lisa, alle Hebel in Bewegung setzen, um die einfachsten Therapiemaßnahmen irgendwie finanziert zu bekommen, war Lisa letzten Sommer zum dritten Mal bei einer Delfin-Therapie, fährt für so ein ganzheitliches Gedöns mindestens einmal im Jahr zur Kur ins Ausland, fährt die neuesten und besten Rollstühle und -man glaubt es kaum- hat einen eigenen persönlichen Fahrdienst. Während wir in einer Zwölfergruppe über das Volksfest ziehen, schaut ein bestimmt nicht schlecht bezahlter Fahrer in einem großen Volvo mit Standheizung auf dem Parkplatz Deutschland sucht den Superstar. Und ist selbstverständlich jederzeit über Handy, ähm, I-Phone direkt erreichbar und innerhalb von 150 Sekunden persönlich zur Stelle.
Lisa geht auf eine private Schule und schafft durch die intensive Förderung vermutlich ihren Hauptschulabschluss. Sie ist zwar kein Dummchen, denkt und redet aber verlangsamt und ist in ihren Bewegungen durch den erhöhten Muskeltonus (Spastik) eingeschränkt.

Was ich jedoch sehr positiv finde, ist, dass weder Lisa noch die Eltern wirklich abheben. Wenn man sich den Luxus leisten kann, wäre es albern, darauf zu verzichten. Solange das nicht als Maß aller Dinge im Vordergrund steht, man nicht auf andere herabschaut, und solange es alles noch einen Sinn macht und nicht nur noch das Ziel hat, anzugeben, finde ich es okay. Dass es dieses Ziel nicht hat, davon bin ich inzwischen überzeugt. Sie macht Rollstuhlsport bei mir im Sportverein. Dort gab es im letzten Sommer, als sie noch 13 und ich noch im Krankenhaus war, ein Sportfest für Kinder und Jugendliche und, und das wurde mir nun schon mehrfach erzählt, Lisas Eltern waren beide dort und sind immer diejenigen, die die Ärmel am weitesten hochkrempeln. Der Vater stellte sich spontan mit Jeans und T-Shirt und Chefkochschürze an den Grill und hat für 150 Leute die Würstchen gewendet und für die Väter Bier gezapft, die Mutter hat zusammen mit anderen Eltern hunderte Brötchen belegt und zwischendurch immer wieder Teller in einem Waschbecken abgewaschen.

Lisa kommt seit einiger Zeit in meine Trainingsgruppe, ist auch ein paar Mal schon auf dem Sportplatz einige langweilige Runden mitgefahren, war beim Schwimmen und macht einen recht guten Job. Irgendwann brachte sie mal der Vater zum Training. Als wir vor dem Training in der Runde standen und quatschten, kamen Lisa und er dazu, er gab allen die Hand, auch seiner Tochter, die er gerade abgeliefert hatte, und die ihm erstmal einen Vogel zeigte: „Papa du bist so albern, das ist voll peinlich mit dir.“ Er war sehr interessiert und ließ sich alles erklären, als Lisa im (geliehenen) Rennrollstuhl saß und ihre erste Runde gedreht hatte. Als sie äußerte, dass sie gerne langfristig dabei bleiben möchte, dachte ich gleich, Papa kauft ihr jetzt ein Handbike und einen Rennrollstuhl für jeweils 10.000 Euro und in zwei Jahren ist sie rausgewachsen, aber: „Solange du hier einen Stuhl leihen kannst, leihst du dir einen, wie andere Anfänger auch. Im neuen Mercedes mit 1.000 Fahr-Assistenten lernt man auch nicht das Autofahren. Das lernt man im alten VW Golf mit 300.000 Kilometern, der an jeder Ampel erstmal aus geht. Wenn man den sicher beherrscht, man seine ersten drei Poller umgefahren hat und das Ding innen lauter klappert als das Radio spielen kann, dann kann man mal nachdenken, wie man sein Geld sinnvoll investiert.“

Zurück zum Osterwochenende: Lisa will unbedingt am Ostersamstag mit uns über das Volksfest und in der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag mit uns am ersten Straßentraining des neuen Jahres teilnehmen. Tatjana hatte das ausdrücklich erlaubt, sie meinte, Lisa wäre eine Kandidatin dafür. Normalerweise ist Ostern kein guter Termin, jedoch wollen etliche von uns auf einige Wettkämpfe in diesem Jahr und haben durch den langen, schneereichen Winter ein erhebliches Trainingsdefizit. Lisa hätte problemlos auch beim zweiten oder dritten Training einsteigen können, aber was sie sich in ihren Dickkopf gesetzt hat, stößt sie nicht wieder um. Von gestern bis morgen will sie bei ihrer Oma schlafen, morgen abend mit uns über das Volksfest und dann bis Montagabend bei uns „wohnen“. Am Ende haben die Eltern zugestimmt.

Cathleen und ich kennen Lisa schon vom Sport, Lina und Liam kennen die Familie – insofern ist das für uns kein Problem. Lisa ist -wie viele Kinder und Jugendliche mit frühkindlichem Hirnschaden, sofern sie nicht so schwer körperlich beeinträchtigt sind, dass sie auf Pflege angewiesen sind- absolut zahm und lieb, man könnte sogar sagen, sie frisst einem aus der Hand. Zwar weiß sie genau, was sie will, ich habe sie aber noch nie zickig oder schlecht gelaunt erlebt. Sie ist bildhübsch, sieht ein wenig aus wie ein blonder Engel, und wäre so gerne
5 Jahre älter und schon erwachsen. Das ist soooo süß!!! Sie will unbedingt zu den „Größeren“ dazugehören, saugt das Leben, das jenseits ihres Luxus-Alltags passiert, wie ein großer Staubsauger ein, ohne auch nur die Hälfte davon richtig zu verstehen, und versucht jedem bewusst unterschwellig klar zu machen, dass sie eigentlich schon erwachsen ist. Aber eben auf eine sehr niedliche Art, weil sie noch nicht merkt, dass ein Erwachsener, der erwachsen ist, ja sich nicht mehr bewusst als erwachsen ausgeben muss.

Als der Vater Lisa vorgestern vom Schwimmen abholte und uns fragte, ob es wirklich okay sei, wenn Lisa bei uns schläft, fragte ich, ob Lisa eine Wertmarke hätte. Der Vater wusste nicht, was das ist. „Naja, Rollstuhlfahrer dürfen öffentliche Verkehrsmittel unentgeltlich benutzen, wenn sie eine so genannte Wertmarke dabei haben, die man beim Versorgungsamt beantragen kann.“ – „Meine Tochter fuhr sonst nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber wenn sie das mit euch künftig macht, dann beantragen wir so etwas. Für Ostern ist es zu spät, da soll sie sich dann eine Fahrkarte kaufen.“ Ob wir gemeinsam essen würden, fragte er. Was für eine Frage! Dann wollte er uns 50 Euro in die Hand drücken: „Sie isst und trinkt drei Tage, verbraucht Wasser und Strom, dafür sollt nicht ihr aufkommen.“ – „Sie darf gerne unser Gast sein“, sagte ich.

„Akzeptiert. Lisa, dann lädst du deine Gastgeber aber einen Abend zum Essen ein. Oder ihr bestellt euch eine Pizza. Oder ihr kocht zusammen und du bezahlst den Einkauf. Hörst du!?“ – „Ja Papa, ich krieg das schon
hin.“ – „Und passt bitte gut auf sie auf, ich verlasse mich auf euch. Lasst sie nicht irgendwo alleine, ich habe Angst, jemand könnte sie entführen.“ – „Bitte was?“ – „Es gab vor Jahren schon einmal einen Versuch. Mit so einem Risiko lebt jedes Kind reicher Eltern. Wenn etwas komisch ist, zögert nicht die Polizei zu rufen.“ Ach du Scheiße. Das hatte gerade noch gefehlt. „Achso und ein Bier darf sie mittrinken. Und alles andere darf sie probieren, aber nur einen winzigen Schluck. Sie verträgt nichts und sie ist auch erst 14 und ich möchte kein Besäufnis oder dass sie irgendwas raucht oder irgendwelche Partydrogen einwirft.“ Was für Sorgen der sich macht und was der von uns denkt! „Ich werde dieses Jahr 15“, fügte Lisa hinzu.

Morgen abend ist es soweit – ich bin sehr gespannt und freue mich sehr auf sie. Sie wird bei mir im Zimmer schlafen. Ob, wie die 19-jährige von letzter Woche, auf einer selbstaufblasenden Matratze am Boden oder mit in meinem Bett, überlasse ich ihr.


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