Mondsüchtig

Es war kein runder. Und es war auch nicht genau der Geburtstag, an dem die Gartenparty stattfand. Trotzdem fanden sich fast 40 Leute bei Marie im Garten ein und traten den Rasen breit gratulierten ihrer Mutter nachträglich und ließen sich mit Grillfleisch, Salaten, knusprigen Baguettebrot und Getränken verwöhnen. Während Maries Patenonkel Uwe am Grill schwitzte, rotierten Marie und ich in der Küche, damit alle Gäste stets genügend saubere Teller, Besteck, Gläser, Getränke und Knabberkram hatten.

Es gab genug zu tun, aber trotzdem war es lustig. Bis zu dem Moment, als einer der Gäste zu uns in die Küche kam und meinte: „Oh, seid ihr die Haussklaven?“ – Marie nahm den dummen Spruch mit Humor, lächelte brav und antwortete: „Jawohl. Womit kann ich Ihnen dienen?“ – Ich hoffte nur, es würde jetzt kein Schweinkram kommen. Irgendwie war mir der Typ nicht so ganz geheuer.

Er antwortete: „Nee, nix, alles bestens.“ Und fügte mit einem Lachen hinzu: „Ist das jetzt eine moderne Form der Sklaverei, wenn das Personal nicht mehr an die Kette gelegt, sondern in einen Rollstuhl gesetzt wird? Oder sind Behinderte einfach nur billiger?“

Sehr witzig. Okay, nicht aufregen. Es ist die Party der Mutter, der Typ ist vermutlich irgendeine wichtige Bekanntschaft, die einen zuviel getrunken hat und jetzt den Macho raushängen lässt. Es gibt ja auch den „Witz“, in dem, wenn die Frau im Wohnzimmer auftaucht oder aus dem Keller kommen kann, die Kette zu lang ist. Vermutlich war das ein Abklatsch davon und sollte witzig sein. Ich lächelte müde.

Marie überhörte den Schwachsinn und lächelte weiter brav. Nachdem der Typ schon fast draußen war, hielt er sich am Türrahmen fest, steckte seinen Kopf nochmal um die Ecke und sagte mit einem Grinsen im Gesicht: „Habt ihr denn hier drinnen schon was zu essen bekommen?“ – Ich dachte, es sei fürsorglich gemeint, wollte verhindern, dass er uns jetzt noch irgendwas reinbringt und uns vielleicht noch weiter Gesellschaft leistet und sagte: „Ja, vielen Dank, wir sind versorgt.“

Was antwortet der Typ? Allen Ernstes: „Aber ihr musstet jetzt nicht die Soßenreste von den Tellern lecken? Oder habt ihr etwa extra ein paar Meterbrote runtergeworfen!?“ – Er wackelte grinsend mit dem ausgestreckten Zeigefinger, schien sich dabei unheimlich witzig zu finden, tänzelte dann mit einem breiten Grinsen im Gesicht aus der Tür. Als er draußen war, guckte ich Marie an. Die sah mich mindestens eine halbe Minute ungläubig an, dann sagte sie: „Nein. Bei allen Bedürfnissen nach größtmöglicher Harmonie.“

Ich sagte: „Marie. Lass, das gibt nur Streit.“ – „Dann gibt es eben Streit! Wer bin ich denn, dass ich mich hier herabsetzen lassen muss?“ – Ich rollte mit ihr nach draußen, fast in die Arme von Maries Vater. Der wollte fast nicht glauben, was er hörte, guckte mich immer wieder an. Ich nickte ein paar Mal, während Marie leise erzählte. Dann ging er zu dem Typen und fragte in einem übertrieben ruhigen, nahezu unheimlichen Tonfall: „Entschuldigung, haben Sie gerade die Mädchen gefragt, ob sie bei uns genug zu essen bekommen oder ob sie die schmutzigen Teller ablecken müssen?“

Rhetorisch geschickte Fragestellung. Einige der umstehenden Leute brachen abrupt ihre Unterhaltung ab und lauschten. Es war auf einen Schlag mucksmäuschenstill. Der Typ wurde dunkelrot im Gesicht, stammelte: „Na ganz so nicht, ich … es sollte ein Witz sein, vielleicht war es ein schlechter, ich habe was gesagt wegen …“ – Der Vater unterbrach ihn und fragte erneut, diesmal mit deutlich schärferem Tonfall: „Haben Sie meine Tochter gefragt, ob sie die dreckigen Teller ableckt? Und dabei Anspielungen auf ihre Behinderung gemacht?“

Mit dem war nicht mehr gut Kirschen essen. Das merkte auch der Typ und stammelte: „Ich wusste nicht, dass das Ihre Tochter ist, ich dachte, die beiden … es tut mir leid. Ich bitte um Entschuldigung. Wer von den beiden ist denn Ihre Tochter?“ – So ein Schwachsinn, wir haben, bevor es zum Essen ging, uns ja allen vorgestellt. Der Vater antwortete betont ruhig: „Sie scheren sich jetzt hier ohne einen Mucks aus meinem Garten. Und sollten Sie auf der Straße merken, dass Sie Ihre Jacke vergessen haben: Kommen Sie nicht zurück. Schreiben Sie sie ab. Das ist besser für Sie und Ihre Knochen. Wagen Sie es nicht, noch einmal einen Fuß auf mein Grundstück zu setzen. Oder ich vergess mich.“

Der Typ setzte zu einer beschwichtigenden Antwort an, aber schon als er Luft holte, funkte Maries Vater dazwischen, zeigte mit dem ausgestreckten Arm auf das Gartentor neben dem Haus und bellte: „Raus!“

Nachdem er merkte, dass es keinen Sinn mehr hatte, zu diskutieren, trottete er ohne ein Wort aus dem Garten. Parallel dazu kam Maries Mutter aus dem hinteren Teil des Gartens nach vorne und fragte, was denn los sei. Maries Vater antwortete mit einer Gegenfrage: „Wer ist das?“ – „Das ist ein Kollege. Der ist seit zwei Jahren in der Praxis von Herrn … in der …straße mit drin, quasi der Nachfolger für Herrn …“ – „Ich hab ihn vom Hof gejagt, nachdem er die Mädels beleidigt hat. Paar saudumme Anspielungen auf den Rollstuhl. Ob sie die Teller ablecken würden und so’n Mist.“ – „Waaas? Das war der, der bei … auch schon für Aufsehen gesorgt hat. Weißt du? Der sich da betrunken hat und … “ – „Ach der, ich weiß schon. Ich hab ihm gesagt, er soll nicht nochmal wiederkommen.“ – „Ist nicht schade drum. Wer sich nicht benehmen kann, ist hier auch nicht erwünscht“, sagte sie und strich Marie über die Wange.

Mehrere der umstehenden Leute räusperten sich und bemühten sich, ihre Unterhaltungen fortsetzend, wieder zur Normalität zurück zu finden. Eine rothaarige Frau, geschätzte 65 Jahre alt, sagte mit leiser Stimme zu uns: „Das war das erste Mal, dass ich so etwas miterlebt habe. Ich bin geschockt. Das ist ein ungezogener Kollege, für den man sich schämen muss. Ich werde mir für ihn noch etwas passendes überlegen und das an geeigneter Stelle noch einmal thematisieren. So etwas darf man sich auf keinen Fall gefallen lassen.“

Um Viertel nach Zehn begannen wir, beim Teller spülen in der Küche Rollstuhlbasketball zu schauen. Das Endspiel in London: Zwei Hamburgerinnen sind dabei – da ist das Pficht. Ein spannendes Spiel, die Entscheidung fiel etwa 90 Sekunden vor Schluss, als sich Deutschland nach zähem und körperbetonten Kampf uneinholbar von Australien absetzte und damit Kurs auf Gold nahm. So eine absolut geile Leistung.

Um halb eins, als alle Gäste weg waren, rollten Marie und ich die Poolabdeckung ein und entspannten uns bei einem Nach-Mitternacht-Bad zwischen im Licht tanzenden Mücken und unter einem atemberaubenden Himmel. Es war absolut toll. Gespenstisch und faszinierend zugleich. Wir haben uns gegenseitig den Nacken massiert und endlos lange den Mond angeschaut. Ob ich wohl mondsüchtig bin? Den musste ich danach einfach noch einmal fotografieren.

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