Es macht keinen Spaß

Sollte man nicht machen. Eine Kurve schneiden. Nachts. Im Gewerbegebiet. Auch nicht, wenn nachts alle Ampeln in Betrieb sind. Sechs an der Zahl, und außer mir ist fast niemand unterwegs. Und alle sechs sind so geschaltet, dass man mit 50 km/h eine „Rote Welle“ hat.

Da juckte es mir in den Fingern. Hab ich natürlich noch nie vorher gemacht… zügig anfahren, auf etwa 65 km/h beschleunigen, vor dem Schneiden der Kurve schauen, dass niemand von vorne kommt und auch gerade niemand überholt, und dann alle sechs Ampeln in dem Moment passieren, wo sie von Grün auf Gelb umschalten. Strike!

Und sich über den Passat Kombi wundern, der hinter mir heran braust und die Ampeln aber sicher bei dunkelrot nimmt. Und an der nächsten Ampel, drei Kilometer weiter, neben mir steht. Zwei Typen sitzen drin, das hatte ich vorher schon im Rückspiegel gesehen. Im Augenwinkel sah ich, wie auf der Beifahrerseite die Scheibe runter ging. Der Fahrer hupte. War meine Zentralverriegelung zu? Ja, war sie. Bloß nicht hingucken. Nachts in Hamburg. Im Gewerbegebiet. Als Frau mit blonden Haaren. Hinterm Steuer.

Man hupte nochmal. Fuhr dann zwei Meter vor. Bei Rot über die Linie, halb vor mich. Mein Blutdruck stieg. Was wollten die Typen vor mir?

Die Frage klärte sich sofort. Der Beifahrer hatte eine rot leuchtende
Kelle in der Hand. Zeigte mir dem Zeigefinger der anderen Hand auf den Text, der dort geschrieben stand. Waren die beiden echt?

Sie stiegen aus. Beide trugen zivile Kleidung. Einer kam an meine Tür, machte eine kurbelnde Handbewegung. Noch nie was von elektrischen Fensterhebern gehört? – „Ausweis“, sagte ich in seine Richtung und hoffte, er könnte Lippen lesen. Konnte er. Beide hielten ihre Chipkarte vor mein Fenster und einer von den beiden zog seine Jacke ein Stück zur Seite. Ein Schulterholster wurde sichtbar. Ich öffnete das Fenster.

„Guten Morgen! Etwas flott unterwegs, oder? Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere hätte ich gerne mal gesehen. Motor können Sie laufen
lassen, ist ja saukalt draußen.“

Ich händigte ihm die Dokumente aus. Er ging damit zu seinem Fahrzeug,
holte ein Handfunkgerät heraus und laberte etwas hinein. Inzwischen sagte sein Kollege: „In der Stadt ist 50. Außer dort, wo die Schilder mehr erlauben. Wir belassen es bei einer Ermahnung, weil Sie danach 50 gefahren sind, obwohl sie uns nicht erkannt haben und die Ampeln dort wirklich beknackt geschaltet sind. Es ist aber kein Grund, schneller zu fahren oder Kurven zu schneiden. Beim nächsten Mal müssen Sie mit einer Anzeige rechnen. Haben Sie das verstanden?“

„Jawohl“, sagte ich.

Er rieb sich die Hände. „Mensch, ist das bloß kalt geworden! Was haben Sie da? Einen Lenkraddrehknopf?“

„Ja, ich bin Rollstuhlfahrerin und fahre nur mit den Händen.“ – „Oha.
Das wusste ich nicht. Das ist faszinierend, dass es sowas gibt. Also dass man ein Auto nur mit den Händen bedienen kann. Glauben Sie mir, das
hat man nicht alle Tage. Und es macht auch nicht unbedingt Spaß, eine Rollstuhlfahrerin anzuhalten.“

Nanu? Ich fragte: „Warum? Ich bin doch ganz nett!“ – „Ja, so meine ich das auch nicht. Für Sie bedeutet Ihr Auto doch große Mobilität, und da ist es zumindest für mich schon mit einem faden Geschmäckle verbunden, dort einzugreifen.“ – „Gleiches Recht für alle.“ – „Ja, trotzdem. Spaß macht das nicht.“

Sein Kollege kam zurück, fragte mich: „Was sind das für Eintragungen im Führerschein? Sind Sie schwerbeschädigt?“

Ich verkniff mir ein Grinsen. Beschädigt bin ich zwar nicht, aber ich
wusste ja, was er meinte. Ich antwortete: „Ich bin Rollstuhlfahrerin.“

Sein Kollege sagte: „Haben wir schon geklärt. Liegt was vor? Dann gute Fahrt.“ – Der andere Polizist war etwas verdattert, gab mir die Papiere zurück und sagte: „Jaja, gute Fahrt.“

Sie stiegen ein. Und weg waren sie. Soso. Es macht keinen Spaß, eine Rollstuhlfahrerin anzuhalten.

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