Inzwischen wissen ja außer mir noch ziemlich viele andere Leute, dass ich kuriose Situationen anziehe. Oder vielleicht schaue ich bei Alltagssituationen nur genauer hin als manche andere Menschen und stelle
andere Fragen? Oder möglicherweise erlebt jeder Mensch diese Situationen gleichermaßen, nimmt sie vielleicht nur ganz anders (im Zweifel gar nicht) wahr? Zumindest ist mir bereits öfter aufgefallen, dass ich irgendeine Alltäglichkeit kommentiere und meine Leute dann sagen: „Worauf du wieder achtest.“ Oder: „Dass du wieder sowas siehst. Jetzt, wo du mich aufmerksam machst, sehe ich das auch. Aber ohne deinen
Hinweis wäre mir das gar nicht aufgefallen.“
Die letzte kuriose Sache war auf der Autobahn im Baustellenbereich. Zwei Spuren waren neu asphaltiert worden, vor Rollsplitt wurde gewarnt. Auf beiden Seiten standen diese Achtungsschilder mit den fliegenden Steinchen drauf, links stand „60“ drunter und rechts „80“, ein paar hundert Meter weiter stand links „80“ und rechts „60“. Nachdem vor diesen beiden Schildern wegen „Straßenschäden“ schon der komplette Verkehr auf 60 km/h runtergebremst worden war, macht das aus meiner Sicht nicht unbedingt Sinn. Immerhin gab es offenbar noch genügend runde Schilder, so dass das Schild „Krötenwanderung“ im Baufahrzeug verstaut bleiben konnte.
Aber das ist nur eine Kleinigkeit. Vermutlich hat irgendein Straßenarbeiter die Schilder auf dem Anhänger verwechselt und beim Aufstellen im strömenden Regen nicht mehr richtig hingeguckt. Oder so ähnlich. Eigentlich nicht der Rede wert. Ich war auf dem Weg zum Outdoor-Schwimmtraining. Ich habe mich über eine Bekannte vom Unisport einer Gruppe angeschlossen, die (außerhalb vom Unisport) im Freiwasser trainiert. Ich bin zwar (bisher) dort die einzige Rollifahrerin, aber mir geht es hauptsächlich ums Schwimmen (und nicht etwa ums Behinderten-Schwimmen…). Und so viel Unterschied ist zwischen jemandem, der mit Beinschlag krault und jemandem, der ohne Beinschlag krault, nun auch nicht. Von daher dürfte der Trainer eigentlich keine großen Probleme mit mir haben.
Womit wir beim Thema wären. Nein, nicht Probleme, sondern Trainer. Weil nur insgesamt vier Schwimmerinnen zur Trainingszeit kommen konnten und wollten, davon ein Schnuppermitglied, bekamen wir einen Trainingsplan und der Trainer meldete sich ab. Wir sollten mal zeigen, so meinte er bei der Übergabe der in wasserdichte Folie laminierten Pläne, dass wir auch ohne Kontrolle vom See-Ufer vernünftig Gas geben könnten. Und tschüss.
Etwa 45 Minuten später sah ich den Trainer vom See-Ufer sehr aufgeregt pfeifen und winken. Neben ihm standen zwei Polizisten. Nanu? Wollte er nicht weg sein? Ist was passiert? Auf dem (Wasser-) Weg zu ihm machte ich mir so meine Gedanken. Ich vermutete, irgendeiner wird sein Auto angefahren haben und abgedampft sein, ohne sich zu erkennen zu geben. Und nun wollten die beiden Executer in kurzärmligem Hemd und mit Mütze auf dem Kopf von uns wissen, ob wir was beobachtet hätten. Oder vielleicht war der Trainer gegen eins unserer Autos gefahren? Ich schwamm etwas schneller. Obwohl … dann würde er nicht die Polizei rufen. Ich schwamm wieder langsamer.
Des Rätsels Lösung: Andere Badegäste hatten ihr Handy gezückt, nachdem unser Trainer in seinem Auto auf der Rückbank gesessen und hinter einer abgedunkelten Scheibe Videoaufnahmen gemacht hatte. Die Familien mit zum Teil kleinen Kindern befürchteten nun, er habe selbige beim Umziehen am Strand gefilmt und wollte die Aufnahmen nun in einschlägigen Foren posten. Oder so ähnlich. Jedenfalls: Ein Mann, der bei warmen Temperaturen hinter einer abgedunkelten Scheibe im Auto sitzt und einen Badesee filmt, erschien in höchstem Maße verdächtig.
Hm. Ich halte mich mit meiner Beurteilung mal zurück. Ich kann schon verstehen, dass das jemand befremdlich findet. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen, weil ich inzwischen weiß, dass er eben nichts Merkwürdiges
im Schilde führte. Der eine Polizist sagte zu uns: „Der Mann gibt an, Ihr Trainer zu sein und Filmaufnahmen von Ihnen für eine Videoanalyse angefertigt zu haben. Kann das sein?“
Eine ältere Teamkollegin antwortete: „Also unser Trainer ist er und Videoanalyse haben wir auch schon paar Mal gemacht. Gewusst haben wir das vorher nicht, aber wenn man das vorher weiß, schwimmt man ja besonders korrekt, und genau dann bringt es ja nichts. Es müsste doch aber zu sehen sein, was genau er gefilmt hat, damit lässt sich das doch klären, oder?“ – Der Polizist antwortete: „Ja, wir haben das eben im Schnelldurchlauf auf dem Kameramonitor gesichtet, da sind tatsächlich nur die Schwimmerinnen drauf. Hin und wieder sind mal andere Leute am Rand zu sehen, aber dann nur für Bruchteile von Sekunden und nur unscharf als Beiwerk. Die Frage ist, ob Sie alle damit einverstanden sind, dass Sie von ihm gefilmt werden.“
„Ja“, antworteten wir vier wie aus einem Mund. Wer dachte, dass sei bereits die Kuriosität, den muss ich enttäuschen. Es ging jetzt erst richtig los. Der Polizist sagte: „Okay. Um jetzt dem vorzubeugen, dass wir hier in einer Stunde erneut hingerufen werden, erteilen wir Ihnen einen Platzverweis für die nächsten 24 Stunden. Sie fahren bitte Ihr Auto dahinten weg und filmen hier auch nicht mehr. Sie können einfach nicht an einem öffentlichen Badesee Videoaufnahmen machen. Das muss Ihnen klar sein, dass das Ärger gibt. Sollten Sie sich nicht daran halten und wir kommen hier heute noch einmal vorbei und sehen Sie hier, nehmen wir Sie mit auf die Wache. Schönen Tag noch.“
Unser Trainer bekam seinen Ausweis zurück und die Polizisten gingen zurück zum Streifenwagen. Ich bekam meinen Mund nicht mehr zu. Er hat nichts Ungesetzliches getan, und nur weil die Polizei keinen Bock hat, weitere Anrufe zu erhalten, die sich als Fehlalarm rausstellen, schicken sie jemanden weg? Es würde mich wundern, wenn das mal nicht ungesetzlich ist. Aber egal, es kommt mit Sicherheit noch wieder schlechteres Wetter für eine Videoanalyse und die 24 Stunden sind auch schnell vorbei.
