Papa sagt: Ich geh daran kaputt

Ich muss noch mal jammern.

Alles fing so positiv an. Die leute hier im Krankenhaus, vor allem meine Ärztin und meine Psychologin, haben gedrängt: „Such dir neue Kontakte außerhalb der Klinik.“ Die Psychologin hat mit einer Trainerin von einem Sportverein gesprochen und das klar gemacht, dass ich heute in einer Sportgruppe dabei sein und mal reinschnuppern konnte. Ich wollte eigentlich nur mal gucken, aber sie meinte gleich, ich soll Sportsachen mitnehmen und Duschzeug. Ok…

Ich bin mit dem Taxi hingefahren worden, gut 15 Minuten. Und dann stand ich da und habe noch überlegt, ob ich nicht einfach wieder umdrehe, weil ich irgendwie Schiss hatte. Neue Situationen sind nichts für mich Schisshase. Ich hatte Angst, dass das alles irgendwelche Freaks sind oder zu viel fragen oder ich das alles nicht kapiere, was die von mir wollen, oder oder oder. Ich war natürlich viel zu früh.

Die Halle war offen und leer, Fahrstuhl habe ich gefunden, klappte alles alleine. Dann trudelten nach und nach die Leute ein. Ja was soll ich sagen … einer nach dem anderen, der neu kam, machte die Runde und jeder hat mich gleich mit Abklatschen begrüßt, das war total locker. Die haben sich in der Halle am Rand umgezogen, einige kamen direkt von der Arbeit… paar Mädels und Frauen waren auch dabei, und dann kam die Trainerin und meinte gleich: „Alles klar, du wurdest schon angekündigt!“
Und dann meinte sie: „Wollen wir mal schauen, ob wir zum Ausprobieren einen Sportrollstuhl für dich finden.“ Eigentlich wollte ich nur erstmal kucken. Und dann durfte ich einen ausprobieren, der gehörte eigentlich einer anderen Frau, aber von den Körpermaßen stimmte das einigermaßen. Der fuhr sich absolut geil. Man wird komplett angeschnallt, so dass man wie eine einheit ist, und das Ding geht total leicht und man kann sich drehen wie im Karussell.

Die Leute waren alle sehr nett. Die mussten für ein Ligaspiel trainieren, und die hälfte von dem, was die gemacht haben, habe ich nicht ganz verstanden (blocken und Nachläufer und Überzahl und Fastbreak und und und – mir raucht jetzt noch der Kopf), aber das war total geil. Da war richtig Alarm in der Halle, die kriegen da Speed drauf, das ist sagenhaft. Die hatten total die Geduld mit mir und waren alle sehr lieb zu mir, kein Terror, alle haben sich gut verstanden. Es gab zwar auch Diskussionen und teilweise haben die schon echt heftige Sprüche drauf gehabt, also keine Weicheier.

Einer bekam den Ball direkt ins Gesicht, ein anderer hat sich mit dem Rollstuhl zweimal seitlich überschlagen, da fuhren alle drum rum und machten den Angriff zu Ende, ich hab nur gedacht: Hoffentlich passiert mir das nicht. Aber dann klemmte sich ein Mädchen den Finger, und die hielt sich den gleich vor Schmerzen fest, und da meinten die gleich: „Kühlen, kühlen!“ Und eine, die laufen konnte, machte gleich ihren Gurt auf und sprang hoch und holte gleich Eisspray … also ich hab mich total wohl gefühlt.

Das war richtig ernster sport, aber mit 100% Respekt vor dem anderen, und vor allem waren sie alle freundlich untereinander, und das war richtig angenehm vom Umgang. Zwar viele heftige Sprüche, aber es wurde viel gelacht und viel Unsinn gemacht. Am Ende kam die zweite Gruppe und alle standen zusammen, und es wurde noch was angesagt wegen einem Heimspiel, der Chef sagte was, 40 Leute standen drumherum, alle hörten zu, die Aufgaben wurden verteilt, jeder hat von sich aus was übernommen. Ich backe einen Kuchen, ich mache einen Salat… alle Achtung, bei mir in der Schule wurde immer eine Stunde diskutiert, wenn man was freiwillig machen musste.

Naja. Dann duschen, die duschten da alle zusammen (also Frauen, Männer, Jungs, Mädchen, alles kunterbunt, waren sowieso immer nur zwei Plätze, und einer nach dem anderen kam dran) und ich musste nicht fragen, und ein Mädchen und eine junge Frau, die laufen konnte, haben mir geholfen beim Umsetzen und Rollstuhl rausschieben, ohne dass ich fragen musste, wie selbstverständlich. Die wussten sofort, wo ich Hilfe brauche, und ich wurde auch gleich gefragt, ob ich mal den einen Rollstuhl zur Seite schieben kann von der anderen, die da duschte, das klappte alles wunderbar.

Dann hat mich noch die mutter von einem anderen Mädchen mit zurück genommen, die wohnen in der Straße neben dem Krankenhaus, so hatte ich noch nette Gesellschaft und brauchte keine Taxrückfahrt.

Dann war ich wieder in der Klinik, das war so kurz vor 9, und dann war mein Vater dort. Er hatte eine unmögliche Laune. „Wo treibst du dich rum?“ Er warte schon seit 6, für mich sei ein Brief gekommen von der Stadt, (der aber total unwichtig war, aber das wusste er nicht,) und den wollte er mir geben. Ich habe dann erzählt, wo ich war, und dass das so toll war: Ich war so total Feuer und Flamme und dann sagt er: „Ich finde das nicht gut, wenn du da hingehst. Zu diesen Leuten. Das zieht dich nur runter. Die haben Probleme, und den Problemen bist du nicht gewachsen in deinem Alter. Du gehst daran kaputt. Aber ich kann dir nichts verbieten, du machst ja sowieso was du willst. Aber sag nicht, ich habe dich nicht gewarnt.“

Ich dann so: „Das war total lustig, und die waren total nett auch untereinander. Komm doch einfach da mal mit hin und mach dir ein richtiges Bild.“ Da sagt er, er habe das schonmal gesehen, sein Opa war früher auch in so einer Gruppe, weil er im Krieg ein Bein verloren hat (der ist aber gestorben, bevor ich auf die welt kam, den kenne ich überhaupt nicht), und das ist nichts für mich. Ich habe dann gesagt, dass da kein einziger Opa war, sondern alles Leute so zwischen 14 und 30 oder 35 oder so, und dann sagte er: „Trotzdem. Ich will davon nichts mehr hören.“

Das kann doch alles nicht wahr sein.

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