Meike am Morgen

Ich habe Ferien, ich kann ausschlafen. Also soll doch bitte keiner von mir erwarten, dass ich in den Ferien vor 10 Uhr aufstehe. Andere Leute schlafen sogar bis 12 Uhr. Ich weiß, dass das für die ältere Generation unvorstellbar ist. Genauso unvorstellbar ist es aber für mich, jeden Tag, ob Wochenende oder Werktag, ob Winter oder Sommer, um 6
Uhr aufzustehen. Ich geh morgens einmal aufs Klo, trinke vielleicht was, vielleicht lasse ich auch einmal kurz frische Luft in mein Zimmer, aber dann schlafe ich weiter. Dafür bleibe ich lieber abends ein bißchen
länger wach.

Entsprechend wenig begeistert bin ich, wenn jemand voraussetzt, dass ich um 8 Uhr morgens an einem Ferientag schon geduscht, mit perfekter Frisur und mit Frühstück im Bauch vor meinem frisch bezogenen Bett stehe
und den Vögeln draußen ihr Morgenlied abnehme. Es klingelte um genau drei Minuten nach acht Uhr bei uns an der Wohnungstür. Und zwar wieder und wieder. Keine Chance, das zu ignorieren. Ein bißchen mulmig war mir,
weil ich nicht genau wusste, ob es möglicherweise irgendjemand aus meiner Familie war. Oder vielleicht der Typ vom Sanitätshaus, den ich per Mail um einen Termin (allerdings nicht um einen Hausbesuch!) gebeten
hatte?

Als ich mit zerzausten Haaren, Schlafklamotten und alles andere als wach an der Haustür ankam, klingelte es erneut und jemand klopfte gegen die Tür. Schön wäre jetzt ein Türspion in meiner Höhe, aber das wird sich in Kürze ändern, wie wir gestern, nach dem Terrorangriff meines Vaters, beschlossen haben. Ich stellte mich hinter die Tür, bremste den Rollstuhl fest und machte die Tür einen Spalt auf. Sollte jemand dagegen
drücken, müsste er mich hinter der Tür seitwärts über das Laminat schieben. Während er dazu Anlauf nimmt, würde ich die Tür ins Schloss werfen.

Nein, es war eine Frau. Ziemlich groß, schätzungsweise Anfang 40, Jeans, langer Mantel, strenge Frisur, kalter Blick, Aktentasche, Dienstausweis in der Hand. „Guten Morgen, mein Name ist …, ich bin vom Jugendamt und möchte zu Julia …“ Ich schaute mir den Dienstausweis an, schien echt zu sein. „Das bin ich“, sagte ich.

„Lassen Sie mich bitte rein?“ fragte sie. Ich antwortete: „Sie holen mich gerade aus dem tiefsten Schlaf.“ – „Ja, das habe ich gemerkt. Darauf kann ich aber leider keine Rücksicht nehmen. Ich muss dringend mit Ihnen sprechen. Bitte lassen Sie mich rein.“ Puls 200. Was wollte die von mir? Gute Frage! „Was wollen Sie von mir?“ – „Das möchte ich drinnen gerne mit Ihnen besprechen, nicht hier im Flur.“ – „Ich lasse aber nicht einfach fremde, unangemeldete Leute in meine Wohnung. Bin ich
verpflichtet, Sie reinzulassen?“

Sie war sichtlich genervt. Kann ich aber auch nicht ändern. Da kann mir doch jeder irgendeine Pappe unter die Nase halten! Natürlich gibt es
einen aktuellen Bezug, aber trotzdem… ständig wird einem empfohlen, keinen unangemeldeten Leute einfach so in die Wohnung zu lassen und jetzt soll ich innerhalb von wenigen Sekunden entscheiden, was richtig ist? Damit bin ich einfach überfordert!

Sie antwortete: „Im Prinzip nicht. Nur dann entscheide ich über Sie, ohne dass Sie vorher darauf Einfluss nehmen konnten. Und das ist dann vielleicht nicht in Ihrem Sinne.“ – „Würden Sie bitte zwei Minuten warten? Nicht weggehen, ich komme sofort wieder.“ Sie seufzte. Ich schloss die Tür.

Ich klopfte bei Frank und Sofie. Und fühlte mich absolut beschissen, sie zu wecken. Wenn sie durch das Gebimmel nicht ohnehin schon wach waren. Sofie fragte, wer da ist. „Jule.“ – „Komm rein.“ Die beiden lagen
im Bett. „Tut mir leid. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Vor der Tür steht eine Frau und sagt, sie kommt vom Jugendamt und möchte sofort in die Wohnung, sonst trifft sie Entscheidungen, die vielleicht nicht in meinem Sinne sind. Kann mir jemand helfen?“

Keine fünf Sekunden später war Frank in seinem Rollstuhl. Wir fuhren zur Tür, mein Herz klopfte wie wild. Frank machte die Tür auf. „Guten Morgen. Was ist hier los?“ – „Ich möchte zu Frau … und bin vom Jugendamt.“ – „Darf ich mal Ihren Dienstausweis sehen? Und in welcher Sache kommen Sie und was möchten Sie genau?“ – „Das möchte ich gerne drinnen mit Frau … besprechen.“ – „Nein, erstmal möchte ich wissen, was Sie überhaupt wollen, und dann entscheiden wir, ob wir Sie reinlassen. Sie werden Ihr Anliegen sicher in wenigen Stichworten zusammenfassen können.“ – „Wer sind Sie denn überhaupt?“

„Rechtsbeistand.“ – „Dann möchte ich gerne eine schriftliche Vollmacht sehen.“ – „Jetzt reicht es aber, meine Mandantin steht neben mir.“ – „Dann möchte ich gerne mal Ihre Ausweise sehen.“ – „In welcher Sache?“ – „Sie sind nicht gerade kooperativ! Als Anwalt sollten Sie wissen, dass fehlende Mitwirkung in einem Verfahren sich oft zum Nachteil der Betroffenen auswirkt.“ – „Als Mitarbeiterin einer Behörde sollten Sie wissen, dass man nicht einfach unangemeldet bei minderjährigen Bürgern vor der Tür steht und sie einschüchtert. Sie haben doch ein Telefon, dann rufen Sie vorher an und machen kurzfristig einen Termin. Und geben meiner Mandantin so eine Chance, sich vorher über ihre Rechte beraten zu lassen und sich auf das Gespräch vorzubereiten. Sie sprechen von Mitwirkung. Was genau wollen Sie denn jetzt von meiner Mandantin? Wobei soll sie mitwirken?“

„Anrufen war leider nicht möglich, woher sollte ich die Telefonnummer
haben?“ – „Woher haben Sie denn überhaupt ihre Adresse?“ – „Na von der Polizei.“ – „Aha. Und die hat keine Telefonnummer aufgenommen?“ – „Zumindest hat sie die nicht weitergegeben.“ – „Und was möchten Sie jetzt von meiner Mandantin?“ – „Mit ihr reden, und zwar nicht hier im Flur.“ – „Sie sollen angedeutet haben, dass Sie eine Entscheidung zu treffen haben, die ohne die Mitwirkung meiner Mandantin möglicherweise nicht in ihrem Sinne ausfallen würde. Ist das so richtig?“ – „So in etwa.“ – „Ja, sowas nennt man, glaube ich, Nötigung. Und worum geht es nun?“ – „Passen Sie mal auf. Ich habe Ihnen jetzt mehrmals erklärt, dass
ich das nicht im Flur besprechen möchte. Das wird ein längeres Gespräch
und längere Gespräche führe ich grundsätzlich nicht im Stehen in Hausfluren. Meine Geduld ist jetzt auch am Ende. Sie können mich also jetzt reinlassen oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte.“

„Ah, sie kommen wegen einer Anhörung. Eine Anhörung findet immer dann
statt, wenn in die Rechte eines Betroffenen eingegriffen werden soll. Auf eine Anhörung möchte sich meine Mandantin in jedem Fall vorbereiten und rechtlich beraten lassen. Die findet jetzt nicht statt. Wir hätten gerne einen neuen Termin. Sagen wir heute um 13 Uhr in Ihrem Büro?“ Sie lachte kurz. „Nein, wir machen das jetzt oder ich schreibe rein, dass die Betroffene sich bei ihrer Anhörung nicht äußern wollte.“

„Nicht äußern wollte? Dann werde ich als Zeuge aussagen, dass gar keine Anhörung stattgefunden hat. Bei einer Anhörung wird dem Betroffenen die Möglichkeit gegeben, sich zu der Sache zu äußern. Das setzt aber voraus, dass man überhaupt weiß, was Sache ist. Sollte also irgendein Bescheid ergehen, der nicht im Sinne meiner Mandantin ist, werde ich sofort Rechtsmittel einlegen und beantragen, dass die Wirksamkeit solange aufgeschoben wird, bis über den Einspruch entschieden worden ist, da kein Anhörungsverfahren stattgefunden hat. Dazu bekommen Sie dann auch eine schriftliche Vollmacht. Das heißt aber im Klartext: Wir vergeuden Zeit und Arbeitskraft auf Kosten der Steuerzahler. Sie müssen doch ein Interesse haben, den Fall vom Tisch zu
kriegen. Was spricht gegen 13 Uhr in Ihrem Büro?“

„Ich muss kurz telefonieren.“ Sie ging nach draußen.

„Was will die?“ fragte ich Frank.

„Sorgerecht? Dein Vater hat einen Platzverweis bekommen, deine Mutter
liegt im Krankenhaus und du bist nicht volljährig. Jede Wette. Aber in Sorgerechtssachen äußert man sich nicht unvorbereitet und schon gar nicht zwischen Tür und Angel.“

Die Frau kam wieder. „14 Uhr 30 bei meiner Chefin. Können Sie da?“ – „Selbstverständlich, ich habe Urlaub. Äh, dürfte ich mir eben noch schnell die Akte kopieren?“ – „Wie bitte?“ – „Naja, ich möchte mich schon vorbereiten. Sie dürften eben reinkommen, kriegen auch einen Kaffee, können sich auch kurz ein Bild von Jules unaufgeräumten Zimmer machen, dürfen mir auch über die Schulter schauen, dass keine Blätter verschwinden, und dann kriegen sie das Ding gleich wieder mit.“ – „Ich weiß doch noch nicht mal, ob Sie überhaupt Anwalt sind. Sie wollten mir ja keinen Ausweis zeigen!“ – „Das würde doch keine Rolle spielen. Die Betroffene hätte doch ebenso ein Recht auf Akteneinsicht, wenn sie ohne Anwalt kommt. Sie hätte sogar einen Anspruch auf Kopien.“ – „Ich muss nochmal telefonieren.“

„Mach doch schonmal einen Kaffee fertig“, sagte Frank. Ich werde wahnsinnig. Irgendwie wird mir das alles zu viel. Wiese können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Hätte ich Frank nicht, wie wäre das ausgegangen?

Sie kam wieder. „Ist in Ordnung, wenn ich dabei sein darf.“ – „Ja, kommen Sie rein. Das Ding hat sogar einen Vorlageneinzug, das geht schnell. Wollen Sie einen Kaffee?“ – „Nein danke, lassen Sie mal.“

Die Akte war relativ dick. Frank blätterte und blätterte und meinte dann: „Das eine Gutachten hier und so ungefähr die letzten 10 Seiten reichen mir.“ Fummelte den Schnellhefter auseinander, legte die Blätter in das Faxgerät und ließ sich Kopien machen. „Und die Wohnung ist komplett behindertengerecht?“ fragte sie. „Das ist ja schön. Ich finde es gut, dass eine gewisse Anzahl neuer Wohnungen heute so gebaut werden muss. Aber diese hier ist echt schön. Sehr geräumig. Wieviele Leute wohnen hier?“ – „Sechs“, antwortete Frank.

„Alles Rollstuhlfahrer?“ fragte sie weiter. „Nein. Nur zum Teil.“ Sie nickte. „Nein, echt schön.“

Sie bekam ihre Akte wieder. „So, dann sehen wir uns heute um halb drei bei Ihnen im Büro. Wo genau ist das?“ Wir bekamen eine Visitenkarte
von ihr. Meike. Diplom-Sozialpädagogin. So war sie nachher sehr nett und vermutlich will sie auch nur, dass es mir gut geht. Aber trotzdem fand ich es gut, dass das erstmal so gelaufen ist. Man hört und liest so
viel Blödsinn, gerade wenn meine Eltern so schräg drauf sind. Hinterher
sagte Frank, dass es ja auch sein könnte, dass einer von beiden Elternteilen beantragt hat, das alleinige Sorgerecht zu bekommen. Oder dass meine neue Sozialarbeiterin von diesem ambulanten sozialtherapeutischen Dienst, die einmal pro Woche kommt, irgendwas angeregt hat ohne mit mir darüber zu reden.

Nun habe ich um halb drei einen Termin beim Jugendamt. Frank hat einen Kollegen von ihm angerufen, der uns dorthin fährt, weil Frank sich
mit Jugendrecht nicht so gut auskennt. Stinkesocke in Begleitung von zwei Anwälten auf dem Weg zur Chefin oder Abteilungsleiterin oder sonstwas von einem Jugendamt. Wichtiger geht es mal wieder nicht. Dabei will ich eigentlich nur chillen und Donnerstag schön Silvester feiern. Aber es geht ja nicht immer nur nach dem eigenen Willen, ne?!

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