So funktioniert es

Von Marias Antrag gibt es noch nichts neues, das war ja aber auch nicht zu erwarten. In der Zwischenzeit habe ich ungewöhnlich viele Mails
bekommen, von Leserinnen und Lesern, die wissen wollten, wie genau denn
dieses Wohnprojekt funktioniert und wie genau man sich das vorstellen muss, dass die Bewohner selbst ihre Assistenz und Pflege koordinieren. Weil es so viele waren, glaube ich, dass es noch mindestens genauso viele Leser gibt, die es auch interessiert, die aber nicht fragen – und entsprechend erkläre ich es noch einmal genauer.

In den meisten Pflegeheimen für Menschen mit Behinderung ist es so organisiert, dass in drei Schichten mehr oder weniger ausreichend Personal für alle anfallenden Arbeiten bereit steht und nach einem festen Plan arbeitet. Beispielsweise beginnt der Dienst damit, alle Bewohner zu wecken, aus dem Bett zu holen, zu duschen, anzuziehen und in
den Rollstuhl zu setzen. Einige können nicht aus dem Bett, andere können einiges noch alleine, im Idealfall wird jeder bestmöglich gefördert und das Personal hat Spaß bei der Arbeit und genug Zeit, um mit den Leuten zu reden oder auf bestimmte Wünsche einzugehen (heute möchte ich gerne einen Zopf). Anschließend wird ein gemeinsames Frühstück vorbereitet, dabei wirbelt ein Putztrupp durch die Flure und Zimmer, einige Bewohner brauchen Hilfe beim Essen, andere müssen gefüttert werden. Danach gibt es einzelne Arzt- oder Therapietermine, zu
denen die Leute begleitet werden müssen … und so weiter. Ich weiß, es gibt Ausnahmen, aber in aller Regel ist es so, dass sich die Bewohner nach dem Pflegepersonal oder den Arbeitsabläufen richten. Ausschlafen ist oft genauso unpassend wie ein Vollbad nehmen wollen.

In unserem Wohnprojekt läuft es genau anders herum. Aus Interessenten, Trägern und Förderern wurde ein Verein gegründet, der einerseits mehrere Etagen eines Hauses angemietet und dort barrierefreie
Apartments mit Gemeinschaftsräumen eingerichtet hat, andererseits verschiedene Kräfte eingestellt hat, um den Pflege- und Assistenzbedarf der Bewohner zu decken. Bei den Kräften handelt es sich um Fachkräfte, die einen festen Vertrag haben, aber auch um verschiedene Minijobber (teilweise auch Schüler oder Rentner). Zu ihren Aufgaben gehören nicht nur Pflegeleistungen (die dürfen nur von Fachkräften geleistet werden).

Die Koordinierung läuft über eine internetgestützte Anwendung, bei der jeder Bewohner über PC oder Smartphone selbständig seinen Hilfebedarf anmeldet. Das Ding schreibt daraufhin die Einsätzpläne der Assistenz- und Pflegekräfte, dokumentiert die Einsätze und rechnet ab. Ich finde es total cool.

Ein Beispiel: Ich benötige keine tägliche Pflege oder Assistenz. Angenommen, ich möchte demnächst drei Kisten Wasser einkaufen und bekomme sie nicht aus der Tiefgarage in mein Zimmer, dann habe ich zwei Möglichkeiten:

1. Bis vier Tage vor dem Termin kann ich einen Auftrag einstellen und
darauf warten, ob ihn jemand annimmt und zu welchen Konditionen. Bei drei Kisten muss ich damit rechnen, dass jemand 10 Minuten beschäftigt ist. Für eine einfache Hilfeleistung werden bei uns 8,90 € brutto pro Stunde gezahlt. Kistenschleppen ist aber keine einfache Hilfeleistung mehr, sondern körperlich anspruchsvoller und gibt deshalb 10,90 € pro Stunde brutto. 15 Minuten ist die kleinste Einheit, das bedeutet, ich muss mindestens 2,80 € (3,60 € mit Arbeitgeberkosten und auf 10 Cent aufgerundet) für diesen Auftrag zahlen. Bei allen Leuten, die einen Vertrag haben, wird also angezeigt, dass dieser Auftrag für mindestens 2,80 € vergeben wird. Wer den für 2,80 € anbietet, hat ihn sofort und verbindlich. Wenn er aber clever ist, bietet er ihn erstmal für 5,00 € an und wartet ab, was passiert. Entweder bietet der nächste mit 4,90 € weiter oder er bleibt am Ende als einziger mit 5,00 € stehen und ich bin
bereit, ihm 5,00 € zu zahlen. (Für mehr als 250% des Mindestbetrags, also 6,80 €, darf er allerdings auch nicht anfragen.)

2. Bietet ihn keiner für 2,80 € an und bin ich nicht bereit, mehr dafür zu zahlen, ist der Auftrag drei Tage vor Ablauf noch unvergeben. Dann kann ich den verpflichtend vergeben, und zwar für 4,80 € fix (175% der Mindestsumme, plus Arbeitgeberkosten, also rund 6,50 €). Bei einem fix vergebenen Auftrag darf ich allerdings den Zeitpunkt und die Person bestimmen. Das heißt, ich trage einem zu dem Zeitpunkt laut Dienstplan anwesenden Mitarbeiter den Auftrag verbindlich für 4,80 € in den Dienstplan ein. Damit weiß ich drei Tage vorher verbindlich, dass mir in
drei Tagen um 15.15 Uhr Herr XY drei Wasserkisten aus dem Auto ins Zimmer trägt.

3. Wenn ich dann um 15.15 Uhr nicht da bin (oder die Wasserkisten nicht), habe ich Pech gehabt. Taucht hingegen der Mitarbeiter nicht auf,
bekomme ich nicht nur die 4,80 € (bzw. 6,50 €) wieder erstattet, sondern zusätzlich noch 2,00 € (75%) Entschädigung gutgeschrieben.

4. Möchte der Mitarbeiter oder ein anderer Bewohner den eingetragenen
Termin veschieben (aus welchen Gründen auch immer), kann er mir das vorschlagen. Stimme ich zu, zahle ich ebenfalls nur noch 2,80 € (bzw. 3,60 €). Stimme ich nicht zu oder melde mich nicht, bleibt es beim vereinbarten Termin.

Diese ausgehandelten Aufträge sind nur bei Assistenzleistungen möglich. Bei Pflegeleistungen gilt immer ein fester Stundensatz.

Zweites Beispiel: Angenommen, ich bin in der Stadt und habe einen Magen-Darm-Infekt, habe die Hose gestrichen voll, mir ist speiübel, ich möchte nur noch nach Hause, duschen, Klamotten in die Wäsche, ab ins Bett, Spuckeimer, Zwieback.

1. Ich müsste jetzt von unterwegs buchen: Transfer in die Dusche, vollständig entkleiden, vollständige Übernahme Ganzkörperwäsche, abtrocknen, … dafür gibt es aber ganze Pakete, die das alles umfassen und die ich mit ein oder zwei Klicks anwählen kann. Dann rechnet mir die
App aus, das mich das für eine Pflegekraft, die 45 Minuten braucht, genau 12,27 € kosten wird, was mir aber in dem Moment sprichwörtlich scheißegal ist. Ich buche das bei dem Mitarbeiter in den Dienstplan und wenn ich zu Hause ankomme, hat er hoffentlich schon seine Handschuhe an.

2. Auch hier gilt: Buche ich den ab 15.15 Uhr und bin ich erst um 15.30 Uhr da, muss ich eine Viertelstunde nachbuchen (und hoffen, dass die noch frei ist und ich nicht noch andere für das Verschieben bezahlen
muss).

3. Sollte gerade kein Mitarbeiter frei sein, kann ich für (hier) 2,50
€ pro Viertelstunde versuchen, andere Termine nach hinten zu verschieben. Derjenige, der eigentlich den Mitarbeiter belegt, bekommt dann eine Anfrage, ob der Termin verschoben werden kann. Ich kann nicht sehen, wer das ist, er auch nicht, aber ich kann eine kurze Message übermitteln. Bei demjenigen wird dann angefragt: „Kannst du bitte nach hinten verschieben? Hab Magen-Darm, muss duschen und ins Bett.“ In so einem Fall würde ich dann -als die andere, die die Nachricht liest- meine Wasserkisten-Operation verschieben, bekomme 2,00 € erstattet – dafür zahlt der andere halt 2,50 € pro verschobener Viertelstunde mehr.

Das klingt alles sehr kompliziert, ist es am Anfang auch, man fuchst sich da aber schnell rein und das meiste erledigt dieses Programm von alleine. Am Ende des Monats bekommt man einen Kontoauszug, auf dem alle in Anspruch genommenen Dienste abgerechnet sind und wo dann auch zu erkennen ist, ob man mehr oder weniger verbraucht hat als der Kostenträger zur Verfügung stellt. Je nach dem bleibt ein Guthaben oder ein Minus. Im bestimmten Umfang wird das einer Rücklage zugeführt oder aus einer solchen beglichen. Reicht das überhaupt nicht oder ist ständig
zu viel übrig, wird die Finanzierung überprüft.

Die beiden Zwillinge, die sehr viel Assistenz und Pflege abrufen, planen ihren Bedarf oft schon Wochen im Voraus anhand von Stundenplänen etc. Dadurch führen die ein sehr strukturiertes Leben, wenn man sie fragt, wo sie heute in drei Wochen um halb neun sind, gucken die in ihre
App und sagen: Unter der Dusche.

Bei drei Kisten Wasser ist so eine vorzeitige Auftragsvergabe für 2 €
Ersparnis albern. Bei den Zwillingen ist es aber so, dass die pro Tag jeweils vier bis sieben Stunden Programm einstellen, auf rund 24 Stunden
verteilt (um 1 Uhr nachts bitte einmal im Bett umdrehen – sonst liegen sie sich wund, um 4 Uhr bitte erneut etc.). Die stellen teilweise jetzt schon für April die Aufträge ein und vergeben die ganzen Assistenzleistungen damit fast ausschließlich zum günstigsten Tarif. Andersrum können aber jetzt schon Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten im April frei planen und anhand des angebotenen Preises selbst bestimmen, ob sie am Freitag schon um 19.00 Uhr Feierabend machen oder vielleicht von 7.00 bis 13.00 Uhr oder von 19.00 Uhr bis 23.00 Uhr arbeiten wollen,
oder ob sie am nächsten Tag nach dem Kinobesuch auf dem Nachhauseweg zwischen 1.00 Uhr und 1.15 Uhr nochmal reinschneien, die Zwillinge im Bett umdrehen und dafür ein paar Euro plus Nachtzuschlag kassieren.

Letztlich kann sich jeder entscheiden, ob er lieber mehrere Stunden am Stück oder zu bestimmten Zeiten oder mehrmals wenige Stunden (oder wie auch immer) arbeitet. Die hauptamtlichen Kräfte müssen auf eine vereinbarte Stundenzahl kommen und natürlich haben die Mitarbeiter nur so lange freie Hand, wie alles läuft. Komischerweise läuft aber alles. Wenn man von zwei Mitarbeitern absieht, die das Prinzip nicht verstehen wollten und in der Probezeit wieder gegangen wurden. Insgesamt haben wir
zur Zeit sechs Leute hauptamtlich beschäftigt, die jüngste ist 23 und die älteste wird in diesem Jahr 50, und alle scheinen sich hier wohl zu fühlen. Dazu kommen noch vier Minijobber, die ihre Arbeitzeit aber nach den Aufträgen einrichten. Wenn Maria bei uns bleibt, werden wir wohl noch mindestens zwei weitere Kräfte einstellen müssen.

Eine Stunde von einer Pflegekraft betreut zu werden, kostet bei uns derzeit zwischen 14,00 € und 19,70 €. Der Mitarbeiter bekommt davon zwischen 7,90 € und 10,40 € netto ausgezahlt, der Rest sind Sozialabgaben und Steuern. Die Höhe des Stundenlohns richtet sich nach der Qualifikation und dem Alter des Arbeitnehmers, eine examinierte Kraft bekommt bei uns derzeit mindestens 13,15 € brutto. Eine Pflegestunde wird aber anhand der eingestellten Mitarbeiter jeden Monat wieder neu berechnet und gerundet und wird mir als Bewohner immer in derselben Höhe in Rechnung gestellt, unabhängig davon, welche (Fach-) Kraft ich buche. Derzeit kostet sie mich immer 16,36 € (brutto, einschließlich Arbeitgeberkosten).

Eine Stunde Assistenzleistungen kosten bei uns derzeit zwischen 11,50
€ und 31,20 € (brutto mit Arbeitgeberkosten). Je nach Vertrag (meistens
Minijobs) und Verhandlungsgeschick bekommt derjenige zwischen 6,80 € und 20,60 € netto ausgezahlt. Damit wird auch der Irrsinn im deutschen Pflegesystem deutlich: Für eine Stunde auf das Volksfest begleiten kann man theoretisch doppelt so viel verdienen wie für eine Stunde knüppelharte Pflegearbeit. Aber darüber denken wir dann lieber nicht nach.

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