Osterhäschen

Die Fremde vor der Tür Teil 2: Es ging hiernach noch munter weiter. Ich hatte sie duschen geschickt, weil sie seit mittags weder ihre Tabletten genommen noch eine Toilette von innen gesehen hatte und entsprechend … sagen wir mal … sie roch nicht gerade nach einem Märchenwald. Eine Stunde lang hatte es gedauert, bis sie ihre
Klamotten ausgezogen, sich unter die Dusche gesetzt, eingeseift, Haare gewaschen, abgebraust hatte. Und dann kam der Brüller. Sie saß auf dem Duschsitz, nackt, bis zur Brust in ein großes Handtuch eingewickelt und rief nach mir. Als ich um die Ecke guckte, meinte sie: „Kann ich mich irgendwo kathetern?“

„Ähm, wie jetzt. Nach dem Duschen? Warum machst du das denn nicht davor?“ – „Ich wollte mich so nass und eklig wie ich war, nirgendwo hinlegen.“ – „Wieso hinlegen? Kannst du das nicht im Sitzen?“ – „Sonst macht das meine Mutter immer im Liegen und ich selbst kann es auch nur im Liegen und nur im Notfall, falls das mal niemand anderes tun kann, haben die Ärzte gesagt.“

Ich kriege einen Föhn. „Sag mal, du kannst es alleine und dann lässt du das jemand anderen machen? Warum machst du das denn nicht selbst? Dann bist du doch unabhängig von anderen Leuten. Das ist doch das wichtigste!“ – „Naja, schon, aber wie soll ich das machen? So viele Hände habe ich doch gar nicht frei und überhaupt, es ist ja nicht überall ein Bett oder eine Liege.“ – „Wieso Hände frei? Wovon redest du?“ – „Naja, erstmal alles auspacken.“ – „Was denn auspacken? Du wäscht dir die Hände, setzt dich aufs Klo, spreizt deine Schamlippen, siehst den Harnröhreneingang, nimmst den Katheter aus der sterilen Hülle, steckst das Ding in deine Harnröhre, ohne vorher noch irgendwo anders gegen zu kommen, wartest, bis alles leer ist, ziehst das Ding ganz langsam wieder raus, wartest dabei jedes Mal, sobald wieder ein Tropfen kommt, Hose hoch, spülen, nochmal Hände waschen, fertig. Eine Sache von höchstens zwei Minuten.“

„Und die Handschuhe?“ – „Was willst du damit?“ – „Naja, muss doch steril sein!“ – „Was muss steril sein? Der Katheter? Der ist steril. Und wenn du ihn nur dort anfasst, wo du anfassen sollst, bleibt er auch steril.“ – „Meinst du?“ – „Na sicher. Ich kenne nur ganz wenige, die sich Handschuhe anziehen und dann meistens nur, weil sie es eklig finden, wenn sie sich aus Versehen über die Finger pinkeln.“ – „Ich seh doch aber den Eingang gar nicht.“ – „Dann guckst du bei den ersten zehn Mal in einen Spiegel und dann weißt du doch, auf welcher Höhe der ist. Der ist doch nicht jeden Tag woanders.“ – „Können wir das mal ausprobieren?“

Und so stand die Stinkesocke nachts um zwei mit einer wildfremden Person im Bad und übt das Pipi machen. Und siehe da, es hat funktioniert. Auf Anhieb und einwandfrei. Und als wir fertig waren, sagte ich: „Supi. Und nun ziehen wir uns eine Pampers an. Schonmal gemacht?“ – „Nö, noch nie. Warum sollte ich das tun?“ – „Weil ich heute nacht keinen Freischwimmer in meinem Bett machen will?“ – „Wo schlaf ich denn?“ – „Ja, entweder mit in meinem Doppelbett oder auf dem Fußboden auf einem Gästebett, also auf einer Luftmatratze.“ – „Luftmatratze“, entschied sie. – „Okay, die wird aber auch nicht vollgepisst.“ – „Mach ich nicht.“ – „Nee, nur du hast seit heute mittag deine Tabletten nicht mehr genommen, was meinst du, was passiert, bis du wieder einen einigermaßen vernünftigen Wirkstoffspiegel im Blut hast?“ – „Keine Ahnung?“ – „Ja. Aber ich. Kannst echt froh sein, dass hier im Haus jemand dein Präparat nimmt. Wieso gehst du ohne deine Medikamente auf Reisen?“ – „Hab ich gar nicht drüber nachgedacht. Bist du böse mit mir?“
– „Nee, nur ich würde gerne irgendwann mal schlafen. Ich blas dir jetzt noch das Bett auf, da ist zum Glück eine elektrische Pumpe eingebaut, und dann zeig ich dir noch, wie du dir selbst so eine Klebewindel anziehst und dann möchte ich bis 10 Uhr nur noch geweckt werden, wenn du stirbst oder das Haus brennt.“

Ihr standen schon wieder Tränen in den Augen. Ich nahm sie in den Arm und sagte: „Ist nicht böse gemeint. Aber ich möchte jetzt wirklich schlafen, okay? Wir sind 60 Kilometer mit dem Handbike gefahren und ich bin wirklich alle.“ – „60 Kilometer?“

Und auch auf die Gefahr, dass mich der folgende Satz in der aktuellen Abstimmung bei der Deutschen Welle um fünf Prozentpunkte zurück wirft: Was waren wir beide um 10 Uhr froh, dass ich ihr gezeigt habe, wie man eine Pampers anlegt. Häschen hat nämlich regelmäßig jeden Morgen um 8 Uhr Stuhlgang. Und wer denkt, das ist doch prima vom Häschen: Nee, ist es nicht. Häschen wacht nämlich erst um 10 Uhr auf!

Und Häschens erster Satz war: „Lange nicht mehr so gut und so lange geschlafen.“ – Für alles, was danach kam, habe ich mir dann eine Pflegekraft geangelt. Was war ich froh, dass mir eine junge Frau helfen konnte, meinen Besuch wieder stadtfein zu bekommen. Anschließend übten wir dann noch endlose Male, wie man vom Boden wieder in den Rolli kommt – was sie am Ende noch nicht ganz alleine konnte, zumal auch der Rollstuhl noch anders eingestellt werden musste – aber immerhin wusste sie, wie es geht.

Am Nachmittag wollten wir gemeinsam mit einigen Leuten über das Volksfest. Mein Besuch kam keinen Bordstein hoch, in keine S-Bahn rein, geschweige denn raus und an Rolltreppe fahren war erst recht nicht zu denken. Aber auf dem Volksfest hatte sie ihren Spaß. Hat sich in insgesamt drei Fahrgeschäfte reintragen lassen (diejenigen, die immer kontrollieren, ob die Bügel richtig sitzen, haben sich tatsächlich gefreut, zwischendurch mal ein paar Mädels auf Händen tragen zu dürfen) und war am Ende wirklich begeistert. Anfangs hatte sie Zweifel, ob sie mit ihrem Querschnitt nun wirklich in ein Karrussel dürfte – aber der Arzt hätte gemeint, sie dürfe. Und da sie früher auch immer gerne in irgendwelche Fahrgeschäfte gegangen ist …

Seit einer Stunde ist sie wieder weg. Ihre Eltern haben sie auf ihren Wunsch mit dem Auto nach Hause geholt. Sie meinte, es seien sehr viele Eindrücke gewesen und sie würde nun alles daran setzen, auch einige Rollstuhlfahrerinnen kennen zu lernen, um das eine oder andere dazu zu lernen. „Bist du mir böse wegen des Überfalls?“ fragte sie zum Schluss. – „Nein. Es war okay. Aber lass uns das nächste Treffen bitte vorher verabreden.“ – „Auf jeden Fall.“

Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits möchte ich ihr natürlich helfen. Damit sie Dinge dazu lernt, die ihr das Leben einfacher machen. Damit sie mehr Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein bekommt. Damit sie
mit ihrer Situation besser zurecht kommt, denn niemand kann mir erzählen, dass sie ihr neues Leben akzeptiert hat. Vermutlich hat sie es nicht mal realisiert. Und da sind wir auch beim andererseits: Andererseits kann es doch nicht sein, dass die Gesellschaft diese Leute sich selbst und ihren „Artgenossen“ überlässt, um ein paar Euro in der Krankenversicherung zu sparen. Eine Querschnittlähmung ist kein Fall. Und schon gar nicht pauschal. Und schon gar keine Fallpauschale.


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