Belämmerter Beginn, exzellentes Ende

Dass jemand krankheitsbedingt eine Vorlesung absagen muss, kann passieren, aber ich bin strikt dafür, dass man einen Mailverteiler anlegt und solche Ausfälle kommuniziert, vor allem dann, wenn so etwas frühzeitig bekannt ist. Oder meinetwegen auch auf einer Internetseite, die jeder noch einmal aufrufen kann, bevor er sich auf den Weg macht. Die meisten meiner Kommilitonen störte der Ausfall wenig; mir jedoch ging es auf den Wecker, weil ich nur für diese eine Vorlesung eine Stunde lang mit einem schweren Rucksack dorthin gegurkt bin und eine weitere Stunde wieder zurück fahren würde.

Am frühen Nachmittag hatte ich einen Termin bei meiner Psychologin, bemerkte auf dem Weg dahin schon, dass in der U-Bahn-Station Mümmelmannsberg der Aufzug defekt ist, allerdings gibt es ja auch eine Rolltreppe. Damit komme ich dann zwar raus, jedoch auf dem Rückweg nicht wieder in den Tunnel hinein, denn alle vier Rolltreppen laufen aufwärts. Aber immerhin hatte ich gesehen, dass der Aufzug defekt ist, so dass ich auf dem Rückweg eine andere Strecke wählen könnte.

Als ich bei meiner Psychologin vor der Tür stand, wartete, wartete und wartete, dachte ich noch so: Lustig wäre ja, wenn die heute auch nicht da wäre. Fünf Minuten nachdem mein Termin beginnen sollte, klopfte
ich. Keine Antwort, Tür verschlossen. Also ins Sekretariat: „Achso, ja, nein, die Termine in dieser Woche sind alle abgesagt.“ – „Sie haben doch meine Telefonnummer, oder? Und meine Handynummer auch. Wenigstens eine SMS könnte man doch erwarten, meinen Sie nicht? Es ist jetzt mindestens das fünfte Mal, dass ich umsonst hierher gurke, weil Sie es nicht schaffen, mal abzusagen.“ – „Das tut mir Leid.“ – „Ja, das hat Ihnen die letzten fünf Male auch schon Leid getan, das reicht mir so langsam nicht mehr.“ – „Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?“ – „Mir absagen!“ – „Sie erwarten doch nicht, dass ich mir ihren Kalender schnappe und zu jedem einzelnen Namen in der Kartei die Telefonnummer raussuche und den Leuten hinterher telefoniere. Dann habe ich den ganzen
Tag nichts anderes zu tun. Wenn Sie auf Nummer Sicher gehen wollen, rufen Sie einfach vorher an.“ – „Was heißt, Sie sagen es nicht ab, lieber lassen Sie alle Patienten hier einzeln vorturnen oder was?“ – „Sie arbeitet ja nur halbe Zeit und die meisten Leute sind ja stationäre Patienten.“ – „Aber dann stimmt es doch nicht, was Sie mir gerade erklärt haben, dass Sie einen ganzen Tag damit beschäftigt wären, den Patieten abzusagen. Dann betrifft es doch nur zwei, drei, vier, vielleicht fünf.“ – „Hören Sie, ich habe noch andere Dinge zu tun, ich habe Ihnen gesagt, dass es mir Leid tut, aber nun muss irgendwann auch mal wieder gut sein.“

„Gar nichts ist gut.“ – „Dann regen Sie sich halt darüber auf, nur bitte nicht in meinem Büro, ja? Tschüss.“ – „Jaja“, sagte ich, setzte mein freundlichstes Lächeln auf, rollte aus der Tür, zum nächsten Ausgang, nichts wie weg. Ich freue mich schon darauf, den Chefarzt wieder zu treffen. Spätestens beim nächsten Anruf, ob ich mal einem frischen Querschnitt in meinem Alter einen Besuch abstatten und den ein wenig aufmuntern kann, kommt dieses Thema auf das Tablett. Meine Psychologin scheint ja auch machtlos zu sein. Es ist echt unglaublich, was für ein dickes Fell manche Leute haben.

Wegen des defekten Aufzugs fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof Bergedorf, dort war nicht nur der Aufzug defekt, mit dem man vom ZOB zur Verteilerebene kommt, sondern auch der zum S-Bahn-Gleis. Statt des ersten Aufzugs fuhr ich Rolltreppe, alternativ wäre auch noch ein Shuttle-Service mit dem Bus möglich gewesen. Aber zum Gleis gab es keine Rolltreppe. Also wäre eine Möglichkeit, mit einem anderen Aufzug auf ein Bedarfsgleis zu fahren, dort die Notrufsäule zu betätigen und nett zu fragen, ob sie die nächste S-Bahn durch das Bedarfsgleis umleiten. Was in aller Regel klappt. Oder eben: In 5 Minuten würde auch ein Regionalexpress zum Hauptbahnhof fahren. Bingo.

Ich fuhr also mit einem Aufzug zum Fernbahngleis, positionierte mich dort, wo der Wagen 5 zum Halten kommen würde, der Zug kam, die Tür ging auf, in den Doppelstockwagen komme ich ohne Hilfe rein (geht etwa 15 Zentimeter nach unten) – nur eben nicht wieder raus. Die Fahrt zum Hauptbahnhof dauert 11 Minuten, als die Ansage „Wir erreichen in Kürze Hamburg Hauptbahnhof“ fertig war, drückte ich auf die Klingel. Im ganzen
Zug ertönt daraufhin aus allen Lautsprechern ein „Ding Dong“, die Zugbleiter wissen dadurch, dass ein Rollstuhlfahrer Hilfe beim Aussteigen braucht. Vorsichtshalber machte ich das in den nächsten drei Minuten bis zum Anhalten des Zuges noch weitere drei Mal.

Im Hamburger Hauptbahnhof stiegen alle Fahrgäste aus, und da der Zug sofort danach nach Schwerin zurückfährt, stiegen auch die nächsten Leute wieder ein. Von einem Zugbegleiter weit und breit keine Spur. Zum fünften und sechsten Mal klingelte ich. Dann stellte ich mich in die geöffnete Tür, kippelte mich an die auch hier 15 Zentimeter hohe Bahnsteigkante an und blockierte damit die Lichtschranke für die Tür. Irgendwann, spätestens bei Abfahrt des Zuges, würde wohl jemand kommen. Mit offener Tür kann der Zug ja nicht abfahren.

Irgendwann boten mir dann vier Reisende an, mich rauszuheben. Als ich an Wagen 3 vorbei rollte, stand dort die Zugbegleiterin und quatschte mit einer Bekannten. Ich fragte sie: „Entschuldigung, hatten Sie mich nicht gehört oder haben Sie gerade keine Zeit?“ – „Ich hab Sie gar nicht gehört!“ – „Ja, ich hatte jetzt sechs Mal geklingelt.“ – „Ja, wissen Sie, Sie waren ja auch gar nicht angemeldet. Sie müssen sich vorher anmelden.“ – „Das ging leider nicht, es war ja spontan. Zur S-Bahn funktionierte der Aufzug nicht in Bergedorf.“ – „Ja, nur da kann ich dann auch nichts tun. Wer alleine rein kommt, muss auch alleine wieder rauskommen. Und schließlich sind da ja auch noch zwei Lokführer, die hätten Ihnen ja auch helfen können.“

Ich prägte mir den Namen ein, der auf dem Schild an ihrer Weste stand, setzte wiederum mein freundlichstes Lächeln auf und rollte davon.
Ich. Will. Mein. Auto. Haben. Immerhin erwischte ich draußen einen Schnellbus, der mich fast bis zur Haustür brachte. Zu Hause angekommen feuerte ich meine Sachen in die Ecke, kurz was essen, aufs Klo, umziehen, wieder los zum Schwimmtraining. Früher war das Schwimmtraining in der Nähe meiner Wohnung, seit ich umgezogen bin, fahre ich ein paar Minuten länger. Und mit öffentlichen Verkehrsmitteln eben noch länger.

Das Problem ist: Der direkte Bus zum Hauptbahnhof fährt nur alle 60 Minuten. Die nächste S-Bahn-Station ist 2 Kilometer entfernt, aber nicht barrierefrei. Die nächste U-Bahn-Station ist 1 Kilometer entfernt, aber ebenfalls nicht barrierefrei. Es gäbe noch eine weitere U-Bahn-Station in 2 Kilometer Entfernung, die barrierefrei ist. Die Alternative ist ein Bus, der etwa 800 Meter von meiner Wohnung entfernt abfährt und mich in 13 Minuten zu einer barrierefreien S-Bahn-Station bringt.

Meistens entscheide ich mich für den Bus. Bis zur Schwimmhalle fahre ich laut Fahrplan mit Umsteigen 38 Minuten. Das ist eigentlich genug Zeit, um nicht auf die Toilette zu müssen. Nachdem ich gerade zu Hause auf dem Klo war und demnach die nächsten 2 Stunden wohl nicht wieder dorthin müsste, entschied ich mich, zu Hause bereits meine Schwimmsachen unterzuziehen und nur eine Sporthose und eine Kapuzenjacke anzuziehen, vorsichtshalber aber eine Hose zum Wechseln einzupacken. Gerade für so überschaubare Wege versuche ich zunehmend, auf Pampers zu verzichten. Vor einem Jahr habe ich das nur für absolute Kurzstrecken (zu Fuß von der Wohnung zur Schwimmhalle, 15 Minuten) gemacht, inzwischen bin ich etwas mutiger und es hatte auch immer geklappt.

Anhand der Vorgeschichte und anhand der Einleitung lässt sich aber bereits erahnen, dass einige Leser heute mal wieder voll auf ihre Kosten kommen werden. Wer sich ekelt, sollte auf das Scrollen vorbereitet sein.

Ich entschied mich für den Bus, rollte dorthin, und bei meinem Glück fuhr dieser heute vier Minuten zu früh ab. Er kam mir an der Ampel so gut wie völlig leer entgegen. Ich dachte noch, eventuell wäre das der vorherige Bus mit 11 Minuten Verspätung – nein. Der nächste Bus war so derbe voll, dass ich nicht mitfahren konnte. Es standen bereits fünf Kinderwagen drin und die Leute mussten den Po einziehen, damit die Tür schließen konnte. Der Fahrer sagte: „Tut mir Leid, ich kann Sie nicht mehr mitnehmen.“ – „Sind Sie eigentlich fünf oder zwanzig Minuten zu spät?“ – „Nee, nur fünf. Das liegt daran, dass es so voll ist.“ – „Alles klar.“ – Also war der Bus davor doch früher abgefahren.

Der nächste Bus war ebenfalls überfüllt. Inzwischen stand ich nun fünfunddreißig Minuten an der Haltestelle. Immerhin kam acht Minuten später der nächste Bus und nahm mich mit. Nach 13 Minuten war ich am S-Bahnhof, doch da war leider der Aufzug defekt. Der vierte an diesem Tag. Also rollte ich rund anderthalb Kilometer zur nächsten U-Bahn-Haltestelle und fuhr von dort mit der U-Bahn bis zum Hauptbahnhof. Inzwischen war ich 90 Minuten unterwegs. Eigentlich war ich bereits vor einer Dreiviertelstunde mit Marie verabredet, wir wollten noch eine Kleinigkeit essen, aber das musste nun ausfallen, weil der Trainingsbeginn immer näher rückte. Marie empfing mich am Aufzug zur U1, umarmte mich. „Was war denn bei dir für ein Zirkus?“, fragte sie mich. – „Hör bloß auf. Lauter überfüllte Busse, nur defekte Aufzüge und ich müsste demnächst mal zum Klo. Ich hab nix drunter.“ – „Oh. Ähm, das Klo im Bahnhof ist versifft, da war ich gerade und bin rückwärts wieder raus, wollen wir es bei der Bahnhofsmission versuchen? Oder schaffst du es noch eine halbe Stunde bis zur Schwimmhalle?“ – „Naja, eigentlich ja, aber vielleicht wird es grenzwertig. Zwei Stunden…“ – „Okay, nicht lange rumtrödeln, die nächste Bahn ist unsere.“

In der Tat klappte das alles, alle Aufzüge funktionierten, die Bahn kam sofort, pünktlich zum Trainingsbeginn waren wir in dem Vorraum zur Schwimmhalle. Nadine begrüßte uns mit: „Moin, Schwimmen fällt aus.“ – „Nadine! Ich habe gerade keinen Sinn für solche Witze.“ – „Ist kein Witz. Schwimmen fällt aus.“ – „Und warum?“ – „Weil unser Umkleidebereich gesperrt ist.“ – „Ich denke, wir haben jetzt hier Training!“ – „Ja, Tatjana hat vergessen, das anzumelden. Entsprechend ist der Bereich geschlossen und wird gereinigt. Die Behinderten-Umkleide samt WC gehören ja bekanntlich dazu. Ergo: Angenehme Heimreise.“ – „Das glaube ich jetzt nicht.“ – „Ist aber so. Tatjana hat den Termin nicht umgelegt, normalerweise wären wir ja gestern dran gewesen und in der anderen Halle. Nur da war ja auch gesperrt.“ – „Aber dass der Termin verlegt wird, ist doch schon seit Wochen bekannt.“ – „Ja, bringt nur nichts, sich jetzt aufzuregen, Tatjana hat es verpeilt, hat nicht Bescheid gesagt, kann vorkommen. Sie macht es ja nicht mit Absicht und ist auch umsonst hergekommen. Und hat sich auch schon zwanzig Mal entschuldigt.“

Konnte das sein? Ich bin seit Stunden unterwegs und nichts funktioniert? Marie fuhr ohne ein Wort nach draußen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich setzte mein freundlichstes Lächeln auf. Als Marie draußen war, winkte sie mir zu. Ich fuhr hinterher. „Was machen wir denn jetzt? Weißt du, wo das nächste öffentliche Klo ist?“ – „Reeperbahn sind welche, ansonsten in Altona am Bahnhof oder am Dammtor. Andere kenne ich nicht.“ – „Das kann doch jetzt alles hier nicht sein. So ein Scheißtag. Das fing heute morgen mit der Vorlesung an, meine Psychologin war auch nicht da, und jetzt noch das. Den ganzen Tag nur rumgegurkt für nichts und wieder nichts.“

Marie rollte auf mich zu, nahm mich in den Arm, zog mich zu sich ran, gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte: „Und ich hab dich trotzdem lieb. Ich würde vorschlagen, wir lassen uns jetzt nicht die Laune verderben, sondern machen uns einen extragenialen Saunaabend bei uns im Garten. Ich rufe jetzt meine Muddi an, die soll da einheizen und dann fragen wir Jana, die neulich schon Feuer und Flamme war, als wir erzählt haben, dass wir eine Sauna im Garten haben, und dann lassen wir uns so richtig verwöhnen. Lassen uns ein paar Drinks an den Pool bringen und bestellen uns eine Pizza und dann schläfst du bei mir und Jana meinetwegen auch, wenn sie will, und morgen früh sieht die Welt schon wieder anders aus.“

„Das ist alles total nett, aber ich will jetzt als allererstes aufs Klo.“ – „Ja, machen wir auf dem Weg. Wir steigen in Altona nochmal aus, das ist nur eine Station, dann gehst du da aufs Klo und dann fahren wir mit der nächsten Bahn weiter. Und wenn es bis dahin zu spät ist, kriegst du zu Hause von mir eine trockene Hose. Abgemacht? Abgemacht. So, keine Widerrede jetzt, Abfahrt.“

Auf dem Weg zur Bahn mussten wir an einer roten Ampel warten. Marie nutzte die Minute, um ihre Mutter anzurufen. Die hatte nichts gegen einen Saunaabend, sie wolle nur früh schlafen gehen und wenn wir nicht so laut wären, sei alles okay. An der nächsten Ampel riefen wir Jana an, die zögerte zwar erst, aber Marie kann ja sehr direkt sein: „Raff dich auf, die Sauna ist schon warm … Letzte Woche wolltest du doch unbedingt … Was? Du kannst bei mir schlafen … Ja, bis gleich. Tschau.“

Im Aufzug nutzte ich die Gunst der unbeobachteten halben Minute, um einmal zu fühlen, ob noch alles im grünen Bereich ist. Marie sah das natürlich und fragte: „Und? Alles noch da, wo es hingehört?“ – „Ich würde mal sagen: 90% davon.“ – „Igitt.“ – „Jaja, lass uns mal bitte mit der S 31 fahren, die hat den niedrigeren Einstieg.“ – „Die andere fährt auch nicht über Altona.“ – „Ach ja.“ – „Sei froh, dass deine Hose schwarz ist, dann sieht man wenigstens nichts.“ – „Mir reicht schon, wenn das einer riecht.“ – „Das riecht keiner.“

Drei Minuten später fuhr die S 31 ein. Marie rollte los. Ich wollte auch, aber … – „Marie! Warte mal bitte.“ – „Das ist unsere Bahn!“ – „Warte mal bitte!“ – „Was hast … oh. Ja. Ähm.“ – Marie grinste breit, tat so, als müsste sie irgendetwas moderieren, nahm ihr Smartphone wie ein Mikro in die Hand und laberte los: „Und immer nett lächeln dabei, ja? Es gibt keinen Grund, die Behinderte da anzustarren. Schauen Sie lieber auf den rosa Elefanten, der da hinten am Horizont fliegt. Ist das ein Heißluftballon? Nein, meine Damen und Herren, es ist der Freund von
der strickenden Kuh aus dem dritten Baum von links!“ – „Och, Marie, sabbel nicht son dummes Zeug.“ – Es war zwar niemand in unmittelbarer Nähe und sie redete auch nur ganz leise, aber die Situation, in der ich leckerklecker auf dem Bahnsteig einen See hinterließ, war schon ätzend genug, das musste nicht noch kommentiert werden.

Sie rollte direkt neben mich, umarmte mich, sagte: „Schön machst du das. Ich bin so stolz auf dich.“ Und gab mir schon wieder einen Kuss auf die Wange. – „Was knutschst du mich denn heute in einer Tour?“, fragte ich sie. Sie antwortete: „Ich hab dich lieb! Hab ich dir vorhin schon gesagt!“ – „Ich bin irritiert.“ – „Macht nichts, ich hab dich trotzdem lieb. So wie sie dich heute alle schon geärgert haben, brauchst du auch mal jemanden, der dich lieb hat.“ – „Das ist so süß von dir.“ – „Eigentlich können wir ja jetzt direkt nach Hause fahren, oder? Klogang hat sich doch erledigt.“ – „Ich fühl mich so bäh.“

Als wir bei Marie zu Hause ankamen, bog zeitgleich Jana um die Ecke. Das passte ja. „Wir fahren gleich in den Garten, nicht erst ins Haus. Jule fühlt sich so bäh.“ – „Oh. Ih.“ – „Genau. Kommst du mit?“ – Im Garten trafen wir Maries Mutter, die damit beschäftigt war, gefühlte zwei Dutzend Windlichter rund um den Pool aufzustellen und anzuzünden. Es war zwar noch nicht richtig dunkel, aber es sah jetzt schon toll aus.
Der Pool war innen beleuchtet, die Sauna auch, der Rest des Gartens war dunkel.

„Jule setzt sich am besten gleich unter die Dusche und zieht sich da aus“, befand Marie. Die Mutter kam dazu: „Hallo. Was ist mit Jule?“ – „Jule zieht sich gleich unter der Dusche aus. Kleines Malheur.“ – „Oh“, sagte sie, während ich mich von meinem Rollstuhl auf einen an der Wand befestigten Plastiksitz umsetzte und meinen noch trockenen Kapuzenpullover auf einen großen Stein warf. „Soll ich deine Sachen in die Waschmaschine tun?“, fragte die Mutter weiter.

„Nö“, sagte Marie, rollte zu mir, drehte die Dusche auf und krähte lachend: „Sie duscht gleich mit ihren Sachen.“ – Scheiße, war das Wasser kalt. Ich erwischte Marie mit einer Hand und zog sie mit ihrem Kopf mit unter den Wasserstrahl. „Mein Handy!“, rief sie, griff mit einer Hand auf ihren Schoß und warf Jana, die unbeteiligt daneben stand, ihr Schlüsselbund und ihr Handy zu. Maries Mutter stand daneben und meinte: „Sag mal, euch sticht der Hafer, oder?“

Bei dem kleinen Ringkampf gelang es mir, Marie aus ihrem Stuhl zu ziehen, so dass dieser nach hinten wegrollte und Marie vor mir auf der Erde saß. Gackernd wie ein Huhn. Dann gelang es ihr, mich von dem rutschigen Duschsitz herunter zu ziehen, so dass ich auf sie drauf fiel und wir beide auf den Fliesen saßen. Mir war das eher peinlich, aber die Mutter schüttelte grinsend den Kopf und meinte zu Jana: „Wie im Kindergarten. Ich lass euch lieber mal alleine. Ich habe euch Gläser und Wasser dahinten hingestellt. Und seid bitte nachher nicht so laut. Ich möchte nicht, dass sich die Nachbarn beschweren und ich will auch früh ins Bett, okay?“

Okay. „Jana, fass mal mit an. Ich kriege Jule alleine nicht in den Pool geworfen.“ Oh nein. Jana und Marie zogen mich auf dem Rücken liegend über die nassen Fliesen in Richtung Pool. Jeder hatte eine Hand,
beide ließen mich nicht mehr los. Jana saß im Rolli, Marie krabbelte auf der Erde rum (so eine angeborene Querschnittlähmung ist ja meistens inkomplett und sehr niedrig, insofern sind diese Spifis meistens sehr beweglich) und ehe ich lange nachdenken konnte, war ich im Pool, mit dem Kopf zuerst. Mit Badeanzug, bereits geduschter Sporthose, Socken und einem Schuh. Marie schob sich ihre geduschte Jeans über die Beine, warf ihre Schuhe durch den halben Garten und ließ sich hinterher plumpsen. „Mit Jeans geht nicht, weil da metallische Knöpfe dran sind. Das verträgt sich nicht mit der Chemie im Pool, die werden dann grün. Jana, wo bleibst du, komm ins Wasser, das ist herrlich!“

„Ich muss noch mein Korsett ausziehen. Und duschen wollte ich vorher wenigstens auch nochmal.“ – „Sieh zu, dass du fertig wirst.“ – Jana zog sich aus, schmiss ihre Sachen an die Seite, duschte und fragte dann: „Wollten wir nicht auch in die Sauna?“ – „Ja, wieso?“ – „Baden wir nackt?“ – „Wir noch nicht, du ja.“ – „Alles klar.“ – Marie fing an, mich im Pool auszuziehen. Schnappte sich meine Hose und tauchte so um mich herum, dass ihr das im zweiten Anlauf gelang.

Ich kürze das an dieser Stelle mal ab, der Beitrag ist schon lang genug: Es war ein sehr lustiger Abend, es wurde auch ziemlich schnell ruhiger, wir hatten insgesamt drei wunderbare Saunagänge, eine geniale Atmosphäre in dem dunklen Garten und dem warmen Pool – und lagen um eins völlig fertig, genudelt und zufrieden zu dritt in Maries übergroßem Bett, kreuz und quer mit mindestens sechs Kissen, dafür aber nur zwei Decken, und haben vor uns hin geschnarcht.


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