Konservative Eltern

Mit dem Versuch, einen gut aussehenden Typen abzuschleppen und mehr oder weniger direkt ins Bett zu kriegen, bin ich gescheitert. Vielleicht bin ich zu schüchtern, vielleicht zu brav, ich weiß es nicht.
Spätestens, wenn er mit mir Karussell fährt, läuft es wohl allenfalls auf etwas längerfristiges und intensiveres hinaus. Schätzungsweise.

Und warum das nicht klappen wird, weiß ich inzwischen auch. Meine Behinderung. Ja, ich kann es auch langsam nicht mehr hören. Er finde mich zwar nett (inzwischen glaube ich auch, dass ’nett‘ die kleine Schwester von ‚Scheiße‘ ist) und auch durchaus attraktiv, reizvoll, spannend, vielleicht sogar sexy, er sei, wie ich ganz richtig festgestellt habe, auch auf der Suche, aber er suche doch eher jemanden, dessen Leben unkomplizierter ist. Er bitte um Verständnis, dass er, wenn er den ganzen Tag Schicksale und Krankheiten sehe, er sich nicht noch nach Feierabend Gedanken darum machen möchte, wie der Rollstuhl ins Auto käme. Er müsse seinen Eltern, die sehr konservativ seien, erklären, warum er eine Rollstuhlfahrerin mit nach Hause bringe. Ausgerechnet. Sein Vater wäre sogar so drauf, dass er ihn in stiller Minute fragen würde, ob es für mehr nicht gereicht hätte. Wir könnten gerne zusammen trainieren und mal einen trinken gehen, aber mehr eben auch nicht.

Naja, also doch kein starker Mann. Einer, der seinem Vater eröffnet, dass auch er, der Vater, trotz eingeschränktem Blick auf die Gesellschaft (so möchte ich es mal vorsichtig formulieren) eine Frau gefunden hat. Einer, der meine Behinderung gerade nicht als schicksalhaft und krank und belastend sieht. Ich hätte es wissen müssen.

Es kotzt mich an. Echt jetzt. Einerseits geht es mir sehr gut. Viele Dinge, die andere Menschen mit meinen Einschränkungen nicht oder nur schlecht gebacken kriegen, machen mir keinerlei Probleme. Aber warum will offenbar niemand eine Frau im Rollstuhl? Natürlich gibt es sie, da draußen, jene Männer, die mich wollten. Aber warum begegne ich ihnen nicht? Warum passt es nie? Entweder will ich, dann will (oder kann) er nicht. Oder er will, aber ich kann es mir nicht vorstellen.

Ich sitze fest im Stuhl, ich würde nicht sagen, dass mich diese eigentlich fast schon bemitleidenswerte Äußerung aus der Bahn wirft. Aber sie macht mich wieder mal traurig und sie verletzt mich auch. Sehr.


Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert