Ein roter Fleck

Das war doch mal ein überwiegend lustiger Praktikumstag! Endlich hatte ich mal richtig viel Spaß bei meiner praktischen Arbeit, die ich in diesem Semester einmal wöchentlich in der Chirurgie ableisten muss und die mir die nötigen Erfahrungen vermitteln soll. Der Hauptgrund dafür war wohl eine Ärztin, an deren Fersen ich mich heften sollte. Ich kann kaum beschreiben, warum sie mir so sehr gefiel. Es war vermutlich ihre direkte und unvoreingenommene Art, vielleicht aber auch ihr deutlich wahrnehmbarer Gefallen an ihrer Arbeit. Sie bat mir gleich das „Du“ an, was erfahrungsgemäß nicht selten, aber auch nicht selbstverständlich ist, und während ich sonst oft das Gefühl hatte, ich oder zumindest mein Rollstuhl stört eher als dass wir willkommen sind, kam es mir hier so vor, als könnte sie es nicht abwarten, mit mir zusammen den ersten Patienten aufzurufen. Um sich dann völlig entspannt an die Wand zu lehnen und zu sagen: „So, Jule, dein Job. Auf gehts!“

Von großartigen Notfällen blieb ich am heutigen Tag weitestgehend verschont. Saisonal häufiger vorkommende Verletzungen, nämlich solche, die in irgendeinem Zusammenhang mit Nadelbäumen stehen, waren aber wieder dabei. Eine junge Frau war beim Schmücken ihrer zimmerhohen Tanne
vom Drehstuhl gefallen, auf dem sie nicht saß, sondern stand, mit der Folge einer distalen Radiusfraktur links. Auf Deutsch: Sie hat sich den Unterarm, genauer gesagt die Speiche, in der Nähe des Handgelenks durchgebrochen. Oder kurz: Zitter, wackel, polter, bumms, knack, autsch.
Zum Glück waren die Knochenteile nicht gegeneinander verschoben, so dass ein einfacher Gips ausreichte. Ganz anders hatte ein älterer Mann mit seinem Weihnachtsbaum zu kämpfen, als er sich mit einer Axt ins Schienbein hackte. Allerdings bekam ich den nicht selbst zu sehen, sondern seine Geschichte in einer Pause brühwarm erzählt.

Brühwarm bis brühheiß war es auch bei einer anderen Patientin zugegangen. „Für euch liegt in der Vier eine 18jährige Rollstuhlfahrerin
mit Verbrennungstrauma. ‚Verbrennungstrauma‘ sagt die Mutter. Am linken
Oberschenkel ist eine erbsengroße rötliche nicht nässende Hautverfärbung. Die Patientin selbst sieht es sehr entspannt, die Mutter
tigert daneben auf und ab und ist außer sich.“ – Meine auch nach Stunden noch immer völlig von diesem Tag begeisterte Anleiterin rieb sich die Hände, grinste mich an und sagte: „Au ja, geil. Jule, das wird dein Durchbruch.“

Wir kamen durch die Tür und noch bevor wir einen Namen sagen konnten,
kam die Mutter auf uns zugestürmt: „Meine Tochter hat sich verletzt. Ausgerechnet im gelähmten Bereich. Sie wissen bestimmt, dass das bei Querschnittlähmungen sehr gefährlich sein kann. Ich bin mit ihr sofort ins Krankenhaus gefahren. Sofort! Leider hat sie dafür noch immer nicht den nötigen Blick, sie sieht das immer zu locker. Sie hat schon drei Mal
fast ein halbes Jahr mit einer Druckstelle im Krankenhaus gelegen und eigentlich soll sie jetzt im Frühjahr Abitur machen. Sowas kommt auch immer kurz vor Weihnachten.“

Ich ließ die Mutter stehen, rollte zu der Patientin, die, unten nur mit einer Unterhose bekleidet, auf der Liege lag, gab ihr die Hand. Zeigte auf die rötlich verfärbte Stelle am Bein und sagte: „Na? Der Fleck hier? Was hast du da gemacht?“ – „Beim Sex in der Dusche gegen das
heiße Rohr gekommen. Also das an der Wand.“, sagte sie und grinste schelmisch. Jetzt bloß nicht meine Anleiterin angucken, sonst weiß ich nicht, ob ich noch ernst bleiben kann. Die Mutter fauchte lautstark dazwischen: „Ich habe dir gesagt, du sollst diesen Mist nicht erzählen!“
– Ich drehte mich um: „Okay. Die Verletzung ist da, wir können sie nicht mehr rückgängig machen. Es ist niemandem geholfen, wenn Sie jetzt so aufdrehen. Also versuchen Sie mal bitte, sich ein wenig zu entspannen, damit wir in Ruhe und mit Bedacht eine Lösung finden, die Ihrer Tochter hilft. Am Besten wäre es vermutlich, wenn Sie sich mal für
einen Moment draußen in den Wartebereich setzen.“

Hatte ich das wirklich gerade gesagt? In Erwartung eines Donnerwetters zog ich schon mal vorsorglich den Kopf ein. Aber im Gegenteil: Die Mutter guckte mich halb böse, halb genervt an und ging zur Tür. Mit dem Griff in der Hand blieb sie einen Moment stehen, drehte
sich zu mir und maulte: „Sie hat noch nicht mal einen Freund. Geschweige denn Sex in der Dusche.“ – Dann schob sie die Tür auf, schob sie hinter sich wieder zu und stampfte davon. Ich wandte mich wieder der
Patientin zu. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzte sich mein Blick dabei mit dem meiner Anleiterin. Das reichte, um alle nötigen Gedanken auszutauschen. Ich fragte: „So, jetzt mal Klartext. Was hat das mit der Stelle auf sich?“ – Sie antwortete: „Nix, keine Ahnung. Irgendwo gestoßen, irgendwo hängen geblieben, irgendeine Falte in der Hose gehabt, die zu lange auf dieselbe Stelle gedrückt hat, was weiß ich. Das
tut aber nicht mal weh, ich würde das merken. Das ist einfach etwas gerötet und morgen wieder weg. Meine Mutter hat das zufällig gesehen und
darauf bestanden, sofort mit mir ins Krankenhaus zu fahren.“

Ich wollte sie beinahe fragen, ob sie noch einen Bruder hat, der Jörn
heißt. Aber den Witz hätte außer mir niemand verstanden. Also ließ ich meine Anleiterin auch noch einmal mit einem Auflichtmikroskop auf die Stelle schauen, die sagte nur: „So, Feierabend, Hose zu, ab nach Hause. Klären Sie das mit Ihrer Mutter oder sollen wir ein Pflaster drüber machen?“ – Sie sagte: „Bloß kein Pflaster, nicht, dass sich daraus noch eine Druckstelle entwickelt.“ – Ich seufzte und sagte: „Ich schreibe kurz einen Zweizeiler für den Hausarzt, vielleicht redest du kurz mit der Mutter draußen?“ – Meine Anleiterin antwortete: „Nee, ich schreibe, du redest mit der Mutter.“

Ich rollte mit der Patientin aus dem Untersuchungsraum, die Mutter bestand zunächst darauf, dass ein Dermatologe hinzu gerufen wird, stürmte dann noch einmal zu meiner Anleiterin hinein und wurde erneut laut. Die sagte aber nur: „Jetzt ist es genug. Freuen Sie sich, dass die
Verletzung Ihrer Tochter nicht schwerwiegender ist und kommen Sie mal wieder runter.“ – Als die beiden draußen waren, sagte ich leise: „Was sie wohl macht, wenn ihre Tochter mal wirklich was hat.“ – „Das will ich
mir lieber nicht vorstellen.“

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