Darmspiegelung

Ich habe meine erste Darmspiegelung hinter mir!

Ähm, ja, nicht als Patientin. Sondern ich war diejenige, welche das Endoskop führen durfte. Nach endlosen Erklärungen und etlichen Trockenübungen an einem Trainingsmodell sowie jeder Menge ständig wiederholter Belehrungen, die ich inzwischen auch nachts um drei aufsagen kann, wenn mich dafür jemand aus dem Tiefschlaf wecken sollte (nie das Endoskop bewegen, wenn man nichts sieht etc.), sollte ich selbst dran. Die Professorin fand, ich sei überreif für diesen Schritt. „Es wird Leute geben, die bis zu ihrer Facharztausbildung damit warten müssen, aber es gibt eben auch Leute wie Sie. Es ist gut, wenn Sie sich früh orientieren und Schwerpunkte setzen, denn Sie werden später nicht alles machen können. Das ist Ihnen jawohl klar.“

Was auch immer sie damit meinte, mich interessierte in dem Moment in erster Linie die Unversehrtheit der Patientin und in zweiter Linie das weit über 20.000 Euro teure Teil in meiner Hand. Die Professorin saß mir
fast auf dem Schoß, die Patientin schlief, ich spürte neben feuchten Händen, wie mir der Schweiß an der Innenseite meiner Oberarme herunterlief. Dann hörte ich ein: „Nicht so verkrampft. Entspannen Sie sich mal. Sie müssen bequem sitzen.“

Ich versuchte, meinen Oberkörper entspannter hinzusetzen. Ein Pulsoximeter zeigte Werte im grünen Bereich, im einzigen Venenzugang steckte eine aufgezogene Propofolspritze und ich war kurz davor, ihr das
Ding in die Hand zu drücken und zu sagen: „Ich guck nochmal zu.“ – Mensch und Plastiktorso sind zwei völlig unterschiedliche Dinge, da kann
man reden und beschwichtigen so lange man will. Bevor die Patientin nun
wegen meiner Zögerlichkeit noch endlos Narkotika nachgespritzt bekommen
müsste, holte ich einmal tief Luft und startete.

„Sagen Sie laut, wo Sie sind, was Sie sehen, und wohin Sie als nächstes wollen“, wurde ich aufgefordert. Ich murmelte mir was zurecht. Spiegelnd glatte Schleimhaut, scharf gezeichnete Gefäße, ein ebener, runder, zartrosa gefärbter Tunnel – hübsch irgendwie. „Sie brauchen mehr
Luft! Viel mehr Luft! Nun seien Sie mal nicht so zittrig, die Patientin
wird schon nicht abheben.“ – Die Professorin legte ihre Hand auf meine und presste meinen Daumen nach unten, um noch mehr Luft in den Darm einströmen zu lassen. Also doch ein großer Unterschied zwischen Trainingsmodell und Mensch. „Und dann spülen Sie gleich mal die Linse und saugen den Schleim ab, der da um die Ecke kommt. Und sagen mir, ob es am Ende nach links oder nach rechts weitergeht. Und woran Sie das erkennen. Und das Atmen nicht vergessen.“

Die Patientin wurde unruhig und bekam den nächsten Schuss Propofol nachgespritzt. „Und dann legen Sie mal etwas im Tempo zu, Sie sind zu zaghaft. Wir müssen noch bis in den Dünndarm. Solange Sie was sehen, gilt jetzt mal ‚volle Fahrt voraus‘.“ – Wie bitte? Dünndarm auch? Davon war ja vorher gar nicht die Rede und das kann ich auch nicht! Dann plötzlich: „So, Stop! Da vorne, was ist das? Die Verfärbung da?“ – Puh. Ich sah keine Verfärbung. Die Professorin deutete mit ihrem Kugelschreiber auf eine Stelle auf dem Monitorbild, wo man mit viel Fantasie eine Schattierung erkennen konnte. „Sie spülen hier bitte einmal großzügig und dann merken Sie sich die Stelle für den Rückweg.“

Merken? Wie merken? Irgendwie sah alles gleich aus. Ich fühlte mich total überfordert und war erneut kurz davor, ihr das Ding in die Hand zu
drücken. Aber so einfach aufgeben? Was machte das für einen Eindruck? Während ich krampfhaft versuchte, mir das Bild einzuprägen, erinnerte ich mich an eine kleine Besonderheit. Am unteren Bildrand konnte ich sehen, wie weit das Endoskop ausgefahren war. Ich merkte mir die Zahl. Bingo. Noch ein paar Zentimeter, die mir vorkamen wie Meter, dann sah ich die Ileozäkalklappe, eine Art flexibles und (im Idealfall) nur in einer Richtung durchlässiges Ventil, mit dem der Dünndarm in den Dickdarm mündete. In diesem Fall sah ich nur eine gelbliche Verfärbung der Darmwand, aber das musste sie sein. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass die Professorin mich ansah. Ganz offensichtlich wollte sie wissen, ob ich sie gesehen habe oder einfach blind in den Blinddarm weiterspiegeln wollte.

Ich fragte: „Und nun?“ – „Ja, weiter. Wir wollen bis zum Ende alles sehen. Das terminale Ileum“, sagte sie und meinte damit die letzten rund
zehn Zentimeter des Dünndarms, „machen wir zusammen, da kommen Sie alleine nicht rein. Das ist bei der Patientin leider etwas verzwickt.“

Okay. Der Blinddarm war alles andere als gut befestigt und verlief nahezu entgegengesetzt. Die Schleimhaut setzte sich immer wieder vor das
Objektiv. Ich versuchte mehrmals vorsichtig, ein vernünftiges Bild zustande zu bekommen, aber dann nahm mir die Professorin das Endoskop aus der Hand und sagte: „Da mache ich mal eben weiter, das ist gerade sehr anspruchsvoll und da brauchen Sie etwas Übung. Die Darmwand ist an dieser Stelle nur wenige Millimeter dick und da könnten Sie sehr schnell
ein Loch in die Schleimhaut stoßen mit fatalen Folgen. Und Sie sehen gerade nur was, wenn Sie die Endoskopspitze einmal um 180 Grad drehen und quasi rückwärts gucken. So. Und da ist dann auch die Ileozäkalklappe
vernünftig zu sehen. Lippenförmig, geschlossen, unauffällig. Sehen Sie?“

Ein schmaler, verschlossener, leicht gewölbter Schlitz, von zwei länglichen, gelblichen Lippen umschlossen. Ich nickte nur sprachlos. Diese Fingerfertigkeit möchte ich haben. Unglaublich. Dann ging es weiter: „Wir sehen uns nun den Dünndarm an. Ich übernehme das auch, denn
wir müssen quasi im Rückwärtsgang die Klappe intubieren. Das machen Sie
nicht beim ersten Mal. Und wie Sie sehen, sehen Sie nichts, weil das hier schäumt wie in der Hölle. Das hat so gar keinen Sinn. Schade. Sie können gleich wieder übernehmen, raus hier und saugen, saugen, saugen und bitteschön.“

Ich bekam das Endoskop wieder in die Hand. Auf dem Rückweg kamen wir an der Stelle vorbei, die ich mir merken sollte. Ich fragte: „Und was ist da nun zu sehen?“ – „Was denken Sie?“ – „Ehrlich gesagt: Ich weiß es
nicht.“ – „Doch, Sie wissen es. Was sehen Sie? Sagen Sie es einfach frei raus.“ – „Nix.“ – „Richtig. Nichts. Wichtig ist immer, dass Sie nicht nach abweichenden Befunden suchen. Sondern dass Sie aufmerksam sind und gründlich und reagieren, wenn Sie etwas entdecken, was von der Norm abweicht. Okay? Und noch einmal rückwärts die letzten Zentimeter und dann raus, bevor wir noch was nachspritzen müssen. Und nochmal absaugen.“

Ich war fertig. Überstanden. Die Patientin wurde zugedeckt und in den
Aufwachraum geschoben. Ich war plötzlich so erleichtert, dass ich beinahe geheult hätte. Was für eine Anspannung, was für ein Druck. Dreißig Minuten, die mir von der Anstrengung her vorkamen wie drei Stunden und von der Intensität wie drei Minuten. Und die Professorin? „Toll haben Sie das gemacht. Richtig gut. Für das erste Mal war das richtig klasse. Sie müssen jetzt nur schnell die Angst verlieren. Respekt dürfen Sie haben, sollen Sie haben, aber keine Angst. Die haben alle Leute bei den ersten Malen und die muss man einfach ablegen. Bei vielen Manövern bekommen Sie ganz schnell Routine und die speziellen Sachen wollen Sie dann bald mehr wissen. Ich bin mir sicher, dass Sie dafür ein gutes Händchen haben.“

Danke. Faszinierend ist er ja, der Darm. Wie so vieles in der Medizin. Für den Moment war erstmal duschen angesagt. Ich war wie aus dem Wasser gezogen. Aber ich möchte bitte noch einmal. Möglichst sofort…

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