Popo gerettet

Mein Chef möchte, dass ich um sechs Uhr einsatzbereit an meinem Arbeitsplatz bin. So hat er es mir in den Dienstplan schreiben lassen. Damit ich mich vorher noch umziehen und auch noch einmal pullern kann, bin ich etwa 30 Minuten vor Dienstbeginn auf dem Parkplatz. Bei rund 45 Minuten Anfahrtszeit (nachts, ohne Ampeln) muss ich um 4.45 Uhr zu Hause
los. Ich muss halt am Abend früh ins Bett, dann macht mir das frühe Aufstehen auch nichts aus.

Die Kollegin, die nachts im Bereitschaftszimmer geschlafen hatte, übergab mir zwei ruhige Stationen. Sie habe die ganze Nacht durchschlafen können. Allerdings habe sich der Oberarzt krank gemeldet. Der Chefarzt käme gegen 9 Uhr, so lange müsste ich ohne Hintergrunddienst arbeiten und ihn bei wichtigen Fragen anrufen. Okay, ich muss das nicht verantworten. Wenn der Chef das so entscheidet, ist das seine Sache. Und ein wenig wohl auch ein Vertrauensbeweis. Hoffe ich.

Eine Ambulanz für Kinder haben wir nicht, und Kindernotfälle werden über die allgemeine Notaufnahme aufgenommen, in der Regel wird dort ein Kinderarzt hinzugeholt. Was an diesem Morgen schwierig werden würde, denn ich bin ja keine Kinderärztin. Bis 7 Uhr war alles ruhig, dann kam eine Familie aus Estland direkt auf meine Station. Sie sprach nur wenige
Worte Deutsch. Ich bekam heraus, die Familie sei in der letzten Woche angereist, würde Urlaub machen. Das Kind sei 12 Jahre alt und habe vor sechs Wochen, wenn ich den Zeitpunkt richtig verstanden habe, einen künstlichen Darmausgang angelegt bekommen, nachdem der Dickdarm komplett
entfernt worden war. Wieso man dann nach sechs Wochen so eine Reise macht, weiß ich nicht, ich kann es aber auch falsch verstanden haben. Seit Freitag abend ging es dem Kind nun nicht gut, es käme kein Stuhl mehr aus dem Darm, stattdessen müsse sie ständig spucken, habe keinen Appetit und seit gestern auch Fieber und Bauchweh.

Es gibt Leute, die kommen wegen jedem Scheiß in die Notaufnahme. Wadenkrampf, Blähungen, eingerissener Fingernagel. Und es gibt welche, die haben ein massives Problem und kommen nicht. Weil sie angeblich nicht wussten, dass sie auch am Wochenende kommen könnten. Eine Blutuntersuchung brachte hohe Entzündungswerte und eine Übersäuerung zu Tage. Ich versuchte, den Chefarzt zu erreichen, das Handy war aber aus. Oder im Funkloch oder sonstwas. Jedenfalls kam: „Der Teilnehmer ist vorrübergehend nicht zu erreichen. Bitte versuchen Sie es später wieder.“

Tja. Aus der Notaufnahme war auch kein Kollege abkömmlich, der mir vielleicht beim Entscheiden helfen könnte, von daher entschied ich mich,
einen Rettungswagen zu bestellen und das Mädchen sofort in eine andere Kinderklinik mit entsprechenden Versorgungsmöglichkeiten, also Bauch-Chirurgie, verlegen zu lassen. Eine Entscheidung, die mir nicht zusteht. Aber wenn das ablief, was ich vermutete, nämlich ein verschlossener und bereits perforierter Dünndarm mit Nahrungsbrei in der
Bauchhöhle (was den sauren Wert erklären könnte), dann sind wir schon mittendrin im Wettlauf ums Überleben. Die Sauerei bekommt man primär schnell in den Griff, aber die Entzündung und Blutvergiftung, die wird mit jeder Stunde Zuwarten schwerer beherrschbar. Und irgendwann dann auch gar nicht mehr.

Ich hätte versuchen können, erstmal noch Bilder zu bekommen. Dann hätte ich eine Sicherheit. Aber die zwanzig Minuten könnten später genau
die zwanzig Minuten sein, die über Leben oder Tod entscheiden. Andererseits kann das Mädchen auch irgendwas vergleichsweise Harmloses haben. Und ich mache hier wegen etwas mehr als einem Bauchgefühl so eine
Welle. Allerdings dachte ich mir: Wenn man mir solche Verantwortung mit
meiner wenigen Erfahrung überträgt, darf man mir auch nicht übel nehmen, wenn ich sie so Ernst nehme, dass ich am Ende übers Ziel hinausgeschossen bin. Ich machte also die Papiere fertig und unterschrieb etwas, was ich nicht selbst unterschreiben darf. Zumindest nicht ohne Rücksprache. Telefonierte mit der Klinik, in die ich sie schicken wollte. Ja, sie könne kommen, man bereite sich vor.

Socke verlegt eine Patientin ohne Rücksprache. Stellt eine Verordnung
für einen Rettungswagen aus. Die donnern mit Lalülala eine Dreiviertelstunde durch mehrere Landkreise, sind über Stunden gebunden. Obwohl hier die Rettungsmittel sowieso schon knapp sind. Die Kollegen im
anderen Krankenhaus sind mit einem kompletten Kinder-OP-Team in Habachtstellung, schauen einmal drauf und wundern sich, machen dann ein Bild, stellen fest, dass es doch „nur“ ein Darmverschluss (also ohne Perforation) ist, und rufen meinen Chef an, ob wir bei uns noch alle Tassen im Schrank haben. Kostet mich das meinen Job?

Der Rettungswagen ist gerade abgefahren, da ruft der Chefarzt zurück.
Er sei auf dem Weg in die Klinik. Ja, habe sich inzwischen erledigt, sage ich. Jetzt ist alles gelaufen. So ein Aufriss. Das war bestimmt die
falsche Entscheidung, denke ich immer wieder. Um kurz vor neun Uhr ist endlich ein erfahrener Kollege da. Um neun Uhr kommt der Chefarzt. Um Zehn nach Neun werde ich von der Chefsekretärin angepiept: „Mal bitte in
mein Büro.“ – Das gibt jetzt einen richtigen Anschiss. Und während ich im Aufzug stehe, überlege ich noch, ob ich lieber den Kopf einziehe oder
lieber den Rücken gerade mache. Rücken gerade machen könnte taktisch unklug sein, ich möchte ja eigentlich, dass man mir was zutraut.

„Frau Socke, kommen Sie rein. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie heute morgen ein junges Mädchen nach [andere Stadt] verlegt haben. Die Kollegen wollten wissen, ob wir Bilder haben oder weitere Unterlagen. Haben wir doch nicht, oder?“ – Ich schüttelte den Kopf. Und erwartete ein: „Sind Sie eigentlich nicht ganz dicht, ohne Bilder solche Entscheidung zu treffen? Die Ihnen noch nicht mal zusteht?“ – Stattdessen kam eine weitere Nachfrage: „Woher kam die?“ – „Die Familie hat hier Urlaub gemacht. Die Tochter ist in ihrer Heimat Estland operiert worden.“ – Er blätterte in meinem Bericht. Und sagte dann: „Die
Kollegen haben da literweise Soße aus dem Bauchraum geholt. Wir können für das Mädchen nur hoffen, dass sie die nächsten Tage überlebt.“ – „Dann war mein Handeln also so in Ordnung?“ – „In Ordnung? Sie haben uns
den A*sch gerettet, Frau Socke. Dafür kann ich mich gar nicht oft genug
bei Ihnen bedanken.“

Ich mag nicht daran denken, was los gewesen wäre, wenn ich das Mädchen nicht sofort verlegt hätte. Was sein Lob angeht, darf die Woche aber gerne so weitergehen.

Nachtrag:
Mehrere Leserinnen und Leser beschwerten sich, dass meine eher harmlosen
Beschreibungen einer Bauchfellentzündung für diejenigen unerträglich seien, die selbst schon einmal eine solche durchgemacht hätten oder aufgrund ihrer Tätigkeit regelmäßig damit konfrontiert werden. Tatsächlich habe ich in meinem Beitrag ganz bewusst einige unappetitliche Details ausgelassen. Es ist und war natürlich niemals meine Absicht, jemanden zu nahe zu treten. Auf einzelne Anmerkungen gehe
ich mit einem zusätzlichen eigenen Kommentar ein, siehe unten.

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