Kein neuer Schrank

Die Uni hat mich wieder. Und das bedeutet: Auch ohne in Kneipen kellnern zu müssen, um meinen Lebensunterhalt während des Studiums zu finanzieren, bin ich restlos ausgebucht. Es reicht hin und wieder noch zum Bloggen und zum Schlafen, aber ansonsten: Schwimmen musste ausfallen. Eine Vorlesung liegt parallel, es gibt eine gute Chance, hier
in den nächsten vier Wochen noch einmal zu tauschen, so dass ich mein Schwimmtraining nicht komplett neu planen muss, aber in dieser Woche musste es wegen der parallelen Vorlesung ausfallen.

Als ich nach Hause kam und gerade die Wohnungstür hinter mir geschlossen hatte, kam Marie nach Hause, die nach ihrem letzten Kurs noch schnell für uns ein paar Teile aus dem Supermarkt entführt hatte. Und kaum war das alles im Kühlschrank verstaut, klopfte jemand an die Tür. Ein Nachbar? Alle Leute, die uns besuchen wollten, würden ja draußen auf die Klingel drücken und nicht bereits im Hausflur stehen. Ich öffnete und draußen stand mit einem breiten Grinsen: Jörn.

Ob wir was klären müssten, wollte er wissen. Er hätte uns beim Schwimmen vermisst und hoffe nun, dass wir nicht seinetwegen nicht gekommen seien. Ich erklärte ihm die Situation mit dem Studium. Er fragte, ob es noch einen weiteren Schrank aufzubauen gäbe. Ich antworte:
„Das nicht, aber du kannst auch so reinkommen.“ – „Prima“, antwortete er. Er hätte sich ansonsten jetzt daran gemacht, den neuen Katalog einer
bekannten schwedischen Möbelhauskette auf günstige Einrichtungsgegenstände mit möglichst umfangreicher Bauanleitung zu durchforsten.

„Schnitzel mit Pommes und Cola gibt es heute nicht“, meinte Marie. „Aber wenn du Nudelauflauf magst, darfst du gerne einen Teller mitessen.
Ist allerdings erst in rund einer Stunde fertig.“ – Er ging in die Küche, guckte durch das Fenster in der Backofentür und entschied sich, zu bleiben. Er fragte: „Kann ich nicht doch noch irgendwas anbringen? Oder zusammenbauen? Oder was helfen? Irgendwas schweres aus dem Keller holen? Kurz Getränkekisten einkaufen? Fenster putzen?“ – „Du kannst dich
auch einfach zu uns setzen und uns Gesellschaft leisten. Möchtest du was trinken?“, antwortete Marie. Was war denn mit dem los? Hatte er was ausgefressen?

Seine Mutter, erzählte er uns, hätte nach der Übernachtung bei uns die ganze letzte Woche jeden Tag mehrmals gefragt, wie es bei uns war. Ob wir nett wären, ob er uns helfen konnte. „Voll nervig“, fand er. Das kann ich mir natürlich vorstellen, dass so etwas sehr nervig sein kann. Ich hätte meiner Mutter, wenn sie so drauf wäre, irgendwann gesagt, dass
sie nervt. Ob er das nicht gemacht hat, ob sie das ignoriert hat, ob er
nichts erzählt hat und deswegen die Neugier der Mutter so überspannt hatte, konnte ich kaum herausfinden. Er redete zwar, aber richtig klare Informationen kamen nicht wirklich aus ihm heraus. Und zudem fragte ich mich, aus welcher Motivation heraus die Mutter so nachdrücklich auftrat.

„Sagt mal“, fragte er irgendwann mehr oder weniger drucksend, „die zweite Hälfte des Films habe ich letzte Woche nicht mehr mitbekommen. Ich war irgendwann so müde, dass ich schlafen musste.“ – „Jaja“, fuhr Marie dazwischen und grinste. – „Nein, wirklich! Ich wollte fragen, ob es eine Chance gibt, dass wir uns irgendwann nochmal die zweite Hälfte gemeinsam ansehen. Wenn es jetzt nicht ganz doof war für euch.“ – „Wieso
doof?“ – „Keine Ahnung, könnte ja sein.“

Wir futterten den Nudelauflauf. Die Auflaufform ist eigentlich relativ groß. Wir essen daran locker vier Tage, so dass wir meistens vier Portionen einfrieren. Jörn schaufelte sich zwei Mal den Teller voll, so dass am Ende noch ein kleiner Rest für den nächsten Tag übrig blieb. Marie und ich freuten uns, dass es ihm offensichtlich so gut schmeckte. Nach dem Essen wollte Jörn mit uns ein paar Kilometer Fahrrad, also Handbike zu fahren. Das Wetter war gut, direkt nach dem Essen mache ich sowas zwar eigentlich nicht, aber wenn er sein Fahrrad und uns ein paar Kilometer durch die frische Luft schicken wollte … warum nicht?!

Als wir wieder zurück waren, fragte Jörn, ob er bei uns schlafen könnte. Marie stand schräg hinter ihm. Ich guckte an ihm vorbei in ihr Gesicht. Sie zuckte mit den Schultern und machte eine Ich-hab-nix-dagegen-Miene. Ich fragte: „Was sagt denn deine Mutter dazu?“ – „Ich würde ihr vielleicht sagen, dass ich noch einen Schrank aufbaue.“ – „Das machst dann aber du. Ich möchte mit ihr nicht noch einmal telefonieren.“ – Marie sagte: „Warum sagst du ihr nicht einfach die Wahrheit? Irgendwann kommt sie mal bei uns an und stellt fest, dass wir keine fünfzig Schränke in der Bude haben und dann fragt sie doch erst recht, was du hier gemacht hast. Ist das so schlimm, wenn du woanders übernachten möchtest?“ – „Du kennst meine Mutter nicht. Sie hört nicht wieder auf zu fragen.“ – Ich fragte: „Könnte das einfach damit zusammen hängen, dass du ihr auch nichts erzählst? Ich meine, ich kann das ja verstehen, aber warum legst du dir nicht einfach drei Sätze zurecht und sagst dann, dass es mehr nicht zu erzählen gibt?“ – „Das ist
leider komplizierter“, antwortete er. Okay, seine Sache.

Er ging zum Telefonieren in ein anderes Zimmer und schloss hinter sich die Tür. „Sehr geheimnisvoll, oder?“, fragte Marie. Ich hob mit einem gleichgültigen Blick meine Achseln. In eine Mutter-Kind-Beziehung möchte ich mich nicht ohne Not einmischen, schon gar nicht in eine komplizierte, und die schien kompliziert zu sein. Als er wieder aus dem Zimmer kam, fragte er: „Und gucken wir vorher noch einen Augenblick fern?“ – Sehr zielstrebig, würde ich sagen. Und leicht zu durchschauen. Wenngleich der Weg nicht der direkte war. Er wirkte auf mich wie ein Hund, der einen anstupste, um gekrault zu werden. Und da ich Hunde liebe…

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